Geflüchtet und jetzt verfolgt

Nach dem verheerenden Erdbeben vor eineinhalb Jahren haben Hunderttausende HaitianerInnen in der Dominikanischen Republik Zuflucht gesucht. Dort dienen die MigrantInnen immer öfter als Sündenbock.

von Hans-Ulrich Dillmann, die wochenzeitung, Zürich, 14. Juli 2011

Blacide Michelin hat eine neue Bleibe gefunden. Ein Holzverschlag, zwei mal drei Meter groß. Eine dünne Holzwand, die mit alten Tüchern verhängt ist, trennt die Unterkunft vom Nachbarraum, in dem eine junge Familie wohnt. «Besser als nichts», sagt sie achselzuckend, «ich hatte keine andere Perspektive.» Die Haitianerin lebt seit dem Erdbeben in ihrer Heimat im Januar 2010 in der Dominikanischen Republik, sechs Autostunden von ihrem alten Haus entfernt. Haina heißt die Vorstadt von Santo Domingo, benannt nach dem Fluss, der das Wohngebiet vom Industriehafen der dominikanischen Hauptstadt trennt. Ein neues Leben liegt vor ihr – so hofft die 43-Jährige wenigstens.

Fünf Menschen teilen sich den winzigen Raum von sechs Quadratmetern und rissigem Betonboden. Umgerechnet zwölf Franken muss Blacide Michelin dafür bezahlen. Einkommen hat sie keines. «Aber ich muss zufrieden sein», findet sie, «ich habe ein Dach über dem Kopf gefunden nach all dem Erlebten.» Essen bekommt sie von NachbarInnen.

Vor dem «großen Beben» 2010 wohnte Michelin mit ihrem Mann, den Eltern und ihren sieben Kindern in einem bescheidenen, aber geräumigen Haus in der Nähe von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. Drei Zimmer, Küche, Wohnzimmer und das Bad im Haus, die Wände aus Betonsteinen und das Dach aus Zement – in Haiti fast schon Luxus. Aber dann brach die Katastrophe über Blacide Michelin herein. Das Haus stürzte in den ersten Sekunden des Bebens ein und begrub ihre Eltern, ihren Mann und vier Kinder unter sich. Tagelang irrte sie mit den überlebenden Kindern durch Port-au-Prince, auf der Suche nach Essen und Hilfe. «Ich war völlig verrückt. Ich wollte nur noch weg.»

Unterm Zaun durch

Eine von Michelins Schwestern lebt in der Dominikanischen Republik. Sie fand eine Person, die sie in Kontakt mit einem «Passeur», einem Schlepper, brachte. Diese Männer bringen HaitianerInnen illegal über die Grenze, die die beiden Länder der zweitgrößten Karibikinsel Hispaniola trennt.

Ihre Schwester hat sie nicht wiedergefunden. Aber in der nächsten größeren dominikanischen Stadt nach der Grenze erbarmte sich eine Frau, drückte ihr Fahrgeld in die Hand und empfahl ihr, «in Haina Hilfe zu suchen». Hier wohnen Tausende Menschen – DominikanerInnen und HaitianerInnen – in ärmlichen Hütten, die zwischen Abwasserkanäle, Mülldeponie und das Randgebiet des Industriehafens gequetscht sind.

Der Ort ist eine Drehscheibe für die MigrantInnen aus dem Nachbarland. «Jeder in Haiti kennt den Namen», sagt Maria (Name geändert). Sie gehört einer Organisation an, die den Sans-Papiers hilft. «Nach dem Erdbeben hat sich die Zahl der Haitianos hier verdoppelt.» HaitianerInnen verdienen seit Jahrzehnten beim östlichen Inselnachbar den Lebensunterhalt für ihre Familien. Die Mehrzahl von ihnen kommt über die grüne Grenze: «Ambafil» nennen die HaitianerInnen den Weg in ihrer Landessprache Kreyòl – «unter dem Grenzzaun durch».

Ohne diese illegalen Einwanderer gäbe es in der Dominikanischen Republik keine modernen Hochhäuser, und beim Metro- und Straßenbau sind sie für die ungelernten Tätigkeiten zuständig. Haitianische Frauen gehen den Hausfrauen beim Waschen, Kochen oder der Kinderbetreuung zur Hand. Haitianische Jugendliche stehen vor den Supermärkten und preisen Kochbananen oder Avocados an. Am Straßenrand der TouristInnengemeinden verkaufen sie frisch gepressten Orangensaft oder schlagen Kokosnüsse auf, damit sich die PassantInnen am frischen Kokoswasser laben können – auch rund 28?000 SchweizerInnen machen hier jährlich Ferien. In den landwirtschaftlichen Regionen sorgen die EinwanderInnen dafür, dass die Ernte eingefahren wird. Aber während ungelernte einheimische Arbeiter oder Erntehelferinnen zwischen 400 bis 600 dominikanische Pesos pro Tag (neun bis dreizehn Franken) ausbezahlt bekommen, erhalten ihre illegalen KollegInnen nur die Hälfte.

«Früher wurden die meisten Haitianos in der Landwirtschaft eingesetzt, heute wird der Bausektor von ihnen dominiert», sagt Francisco Leonardo, ein Rechtsanwalt der kirchlichen Hilfsorganisation Servicio Jesuita a Refugiados y Migrantes, die die EinwanderInnen berät und unterstützt. «Die haitianische Migration zeichnet sich durch eine starke Rotation aus», sagt Leonardo. «Die Migranten ziehen von Region zu Region der Ernte oder den Bauprojekten hinterher, und dann gehen sie wieder zurück in ihre Dörfer.»

Wie viele HaitianerInnen vorübergehend oder ständig im Land leben, weiß niemand so recht. Die dominikanische Einwanderungsbehörde bezifferte ihre Zahl vor dem Erdbeben in Haiti im Januar 2010 auf 800 000 bis 1,2 Millionen. Nach dem Beben seien rund 300 000 zusätzlich gekommen, viele zur medizinischen Behandlung, schätzt Leonardo – und sind geblieben.

Rassismus und Verfolgung

So willkommen sie in Unternehmen und in Agrobetrieben als billige Saisonarbeitskräfte sind, das Thema «Haitianos» lässt in der Dominikanischen Republik immer wieder die Emotionen hochschlagen. «Die nehmen uns die Arbeit weg», schimpft ein fliegender Händler in der Altstadt von Santo Domingo. Der Mann lebt davon, PassantInnen raubkopierte DVDs zu verkaufen. «Die Haitianos haben uns die Cholera ins Land gebracht», ist sich eine Frau sicher, die an der Theke in einem Tante-Emma-Laden ansteht, um sich Brot, Margarine und Oliven zu kaufen.

Oft genug kommt es zu gewaltsamen Konfrontationen: Ende Juni jagten BewohnerInnen von Galván, einem Weiler in der südwestlichen Grenzprovinz Bahoruco, drei Haitianer durchs Dorf und ermordeten sie mit Messerstichen und Machetenhieben, weil sie angeblich einen Dominikaner getötet hatten. Und im Januar hatte eine Menschenmenge unter lautem Jubel vier kleine Hütten von HaitianerInnen abgefackelt, weil einer von ihnen beschuldigt wurde, einen Wachmann angegriffen zu haben. Ein Kleinkind starb in den Flammen. Meldungen wie diese machen auch Blacide Michelin Angst, und so traut sie sich kaum noch aus der näheren Umgebung ihrer Unterkunft. «Ich habe den Leuten doch nichts getan», sagt sie.

«Die Haitianer werden für alles verantwortlich gemacht», sagt Sonja Pierre, Gründerin und Direktorin der Organisation Movimiento Mujeres Dominico-Haitianas (Bewegung dominikanisch-haitianischer Frauen), die in den Stadtvierteln, in denen viele haitianischen MigrantInnen leben, arbeitet. Sie unterhält Schulen für die Kinder der EinwanderInnen und für jene, die im Land geboren sind, aber keine Papiere haben, um auf eine staatliche Schule zu gehen.

«Der dominikanische Staat hat keine kohärente Einwanderungspolitik», klagt Sonja Pierre. «Es besteht kein Interesse, die Situation zu regeln, denn alle verdienen am Geschäft mit den illegalen Billigarbeitskräften – Schlepper, Polizisten, Militärs und Grenzbeamte.» Die Familie der 47-jährigen Dominikanerin stammt ursprünglich aus Haiti, sie selber wurde in einem Barackenlager für LandarbeiterInnen geboren.

Pater Regino Martínez vom Servicio Jesuita spricht in Bezug auf dominikanische Migrationspolitik gar von Rassismus. «Wer schwarz ist, wird festgenommen und abgeschoben.» Die EinwanderungsbeamtInnen interessiere nicht, ob jemand gültige Aufenthaltspapiere, eine Saisonarbeitserlaubnis oder sogar als im Land geborener Nachkomme von HaitianerInnen die dominikanische Staatsbürgerschaft besitze. «Die Regierung will die Situation gar nicht regeln, denn dann müsste sie den Migranten ja auch Rechte zugestehen.»

Eingespieltes System

Ein gewöhnlicher Sonntagnachmittag auf dem Platz vor der Kirche Notre Dame de l’Assomption im haitianischen Grenzort Ouanaminthe. Die Gruppe von vier Frauen und elf Männern fällt auf, sie warten und recken immer wieder die Hälse. Gegen sechzehn Uhr taucht ein dunkler Pritschenwagen auf und verschwindet kurze Zeit später mit ihnen auf der Ladefläche. Wenige Stunden später lädt der Pick-up seine menschliche Fracht in Capotille, südlich des offiziellen Grenzübergangs, ab. Mit Motorrädern geht es weiter auf die dominikanische Seite zur Haltestelle der Minibusse, die nach Santiago, der zweitgrößten Stadt des Landes, fahren.

Sechs bis acht, manchmal sogar zwölf Polizei- und Militärkontrollen gibt es auf dieser Strecke. «Und an allen Checkpoints wird kassiert», erzählt Jacobo (Name geändert) von der Selbsthilfeorganisation Solidarische Vereinigung der ArbeitsmigrantInnen. Das Prozedere sei immer das gleiche: Ein Polizist oder Soldat fragt den Fahrer: «Wie viel hast du?», und dieser drückt ihm entsprechend der Anzahl Passagiere eine Geldsumme in die Hand. «Pro Person und pro Kontrolle werden 100 bis 200 Pesos bezahlt» (zwischen zwei bis vier Franken), versichert Jacobo. «Das ist ein hervorragend eingespieltes System.»

Aber die Preise für die Illegalen sind seit dem Beben und dem Ausbruch der Cholera im letzten Herbst angestiegen. Inzwischen kostet ein Grenzübertritt mit einem Schlepper umgerechnet über 120 Franken – für viele entspricht das etwa einem Monatsgehalt.

Cholera-Epidemie, von Uno-Soldaten verursacht

Am vergangenen Wochenende mussten die MitarbeiterInnen der dominikanischen Einwanderungsbehörde Sonderschichten einlegen. An den großen Knotenpunkten und Verbindungsstraßen wurden Busse kontrolliert, und es wurde nach illegalen MigrantInnen gefahndet. Die HaitianerInnen im Land sind verstärkt ins Fadenkreuz der FahnderInnen geraten, seit auch in der Dominikanischen Republik die Zahl der Choleraerkrankten und -toten sprunghaft angestiegen ist. Ende Oktober 2010 waren in Haiti erstmals seit Jahrzehnten in der Region von Artibonite, der Reiskammer des Landes, wieder erste Cholerafälle aufgetreten.

Ausgelöst wurde die Epidemie durch die unsachgemäße Entsorgung der Latrinen eines Lagers von nepalesischen Uno-Soldaten in einen Nebenfluss des Artibonite. Mehrere unabhängige medizinische Gutachten haben dies als Ursache bestätigt. Nachdem die neuen Fälle von Ansteckungen im März zurückgegangen waren, haben sie seit Mitte Mai wieder zugenommen. Mehrere vorübergehend geschlossene Behandlungszentren sind deshalb wieder eröffnet worden. Wegen der anhaltenden Regenfälle auf der ganzen Insel ist kein Ende der Epidemie abzusehen. Bis Ende Juni sind in Haiti nach offiziellen Angaben rund 5.500 Menschen an der Infektionskrankheit gestorben und 363.100 daran erkrankt. Auch die Dominikanische Republik ist inzwischen betroffen. Hier gibt es bisher mehr als 10.700 Cholerakranke, und die Zahl der Todesopfer liegt nach Informationen internationaler Hilfsorganisationen derzeit bei 71.

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