»Die Erben des alten Bocks«

Vor 40 Jahren fiel der dominikanische Diktator Trujillo einem Attentat zum Opfer. Sein Nachfolger Balaguer zieht noch immer die Fäden im Land.

Langsam drehen sich die Tanzpaare im typischen Wiegeschritt eines Merengue. Krächzend intoniert die Kapelle den Hit der Merengue-Saison des Jahres 1961: Mataron el Chivo.

von Hans-Ulrich Dillmann, Berliner Zeitung, Magazin, 26. Mai 2001

»Sie haben den Ziegenbock getötet«: »Das Volk, es feiert/Mit großem Geschrei/Das Fest des Ziegenbocks/Am dreißigsten Mai«, heißt es im Refrain. Auf dem alten Schwarzweißfilm ist festgehalten, wie die Bevölkerung der Dominikanischen Republik damals auf ihre Weise das Attentat auf Diktator Rafael Leónides Trujillo Molina würdigte, der als allbekannter Schürzenjäger im Volksmund heimlich »der Ziegenbock« genannt wurde.

Der Filmemacher René Fortunato hat in seiner Dokumentation »Trujillo – Die Macht des Chefs« drei Dekaden Diktatur reflektiert, die am 30. Mai 1961 mit dem Tod des Potentaten scheinbar endeten. Knapp ein Jahrzehnt nach der Uraufführung des Films im November 1991 sorgte der Roman Das Fest des Ziegenbocks des peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa erneut für Aufregung.

R. L. Trjillo

Ausführlich erzählt Vargas Llosa, wie der »Benefactor«, der selbst ernannte «Wohltäter« Trujillo, selbst Frauen seiner engsten Mitarbeiter zwang, ihm zu Willen zu sein, und dass es Familien gab, die ihre Töchter anboten, um sich so die Gunst des Despoten zu erkaufen. Als die spanische Fassung des Romans im April vergangenen Jahres in Santo Domingo der Öffentlichkeit präsentiert wurde, musste sich Vargas Llosa von Bodyguards schützen lassen. Aufgebrachte ältere Damen der High Society sahen sich als willige Gespielinnen des Diktators mit dem Hitlerbärtchen diffamiert, grau melierte Herren fühlten sich als skrupellose Männer dargestellt, die ihre Gattinnen und Töchter dem geilen »Ziegenbock« zugeführt hätten, um sich Privilegien zu erkaufen.

30 Jahre Terror, danach 40 Jahre Schweigen

»Vierzig Jahre wurde darüber geschwiegen, wie weit das System des Terrors das Land durchdrungen und viele honorige Mitglieder der dominikanischen Gesellschaft zu Mittätern gemacht hatte«, erklärt José Israel Cuello, in dessen Verlag das Vargas-Buch erschien.

Die jetzige Aufregung habe auch damit zu tun, dass das alte Regime lediglich in anderer Besetzung fortgesetzt wurde und indirekt heute noch funktioniert. »Trujillos damaliger Regierungschef Joaquín Balaguer lebt noch und zieht trotz seines Alters die Fäden in diesem Land«, sagt Cuello. Nicht umsonst werde der fast 95 Jahre alte Autokrat im Ruhestand »la Viuda de Trujillo«, die Witwe Trujillos, genannt. Drei Jahrzehnte lang tyrannisierte Rafael Leónides Trujillo die Bevölkerung der Dominikanischen Republik.

Rafael LeónidesTrillo Molina mit Sohn Ramfís ((links) und Tochter Flor de Oro (rechts), Archivo Rafael L. Hungría

Während der Besetzung des Landes durch US-Truppen von 1916 bis 1924 hatte es Trujillo vom vorbestraften Viehdieb zum Gefreiten der Nationalgarde gebracht. Bei den Wahlen am 16. Mai 1930 kandidierte er, inzwischen im Rang eines Generals, und erklärte sich zum Sieger, noch bevor die Stimmauszählung beendet war. Trujillo zeigte sich seinen Förderern gegenüber dankbar. Innerhalb weniger Jahre zahlte er alle Darlehen der US-Regierung mit Zinsen zurück. Im Januar 1936 ließ er die »erste Stadt in der Neuen Welt«, Santo Domingo de Guzmán, in Ciudad Trujillo umbenennen. Jedes Dorf hatte seinen Trujillo-Platz, jeder Weiler musste ihm seinen Brunnen weihen. In den Häusern hing sein Foto mit dem Spruch »Trujillo ist der Herr des Hauses«. Jeden, der ihm gefährlich werden konnte, ließ el jefe beseitigen.

Pflicht für jeden Haushalt: Trujillo-Plakete

Die Praxis des Verschwindenlassens trieb Trujillo bis zur Perfektion. »Sogar das Denken gegen Trujillo war gefährlich«, weiß der Verfassungsrechtler Jottin Cury aus eigener Erfahrung. Er wurde als 24-jähriger Jurastudent verhaftet, weil er sich kritisch geäußert hatte. Das Gefängnis konnte er jedoch nach einigen Wochen wieder verlassen, weil Trujillo ihn zum Provinzgouverneur berufen hatte. »Das war seine Art der Strafe für meine Unbotmäßigkeit»«, sagt Cury.

Mit Zuckerbrot nd Peitsche

»Die Perfidie Trujillos bestand eben darin, Oppositionelle zu bedrohen und gleichzeitig doch in das System einzubeziehen. Als Trujillo sich an die Macht manipulierte, erbte er eine tribalistische Gemeinschaft«, analysiert der Soziologe Mario Bonetti die gesellschaftlichen Verhältnisse zu Beginn der dreißiger Jahre. Es habe zwar Gesetze und Verordnungen gegeben, aber »niemanden interessierte das“. Das Leben im Land organisierte sich durch persönliche Beziehungen. »Als er 1961 getötet wurde, war aus dem Verbund von Familienclans eine Gesellschaft geworden.« Die Allmacht des selbstherrlichen Diktators begann erst Mitte der 50er-Jahre zu schwinden. Formal hatte sich el jefe da schon längst aus der offiziellen Politik verabschiedet. Alle vier Jahre ließ er eine seiner Marionetten als Staatspräsidenten wählen.

Um die linke Opposition auszuschalten, legte sich Trujillo mit den Nachbarländern an, die politischen Flüchtlingen aus der Dominikanischen Republik Asyl gewährten. Die Revolution auf der kubanischen Nachbarinsel beflügelte die dominikanischen Exilgruppen, aber die USA wollten in ihrem Hinterhof kein zweites Kuba zulassen. Nach der gescheiterten Invasion in der kubanischen Schweinebucht im April 1961 ließen die USA Trujillo endgültig fallen, um sich als Vorkämpfer gegen Diktaturen im Allgemeinen zu legitimieren und so auch Castro zu isolieren. Aber erst nachdem sich namhafte Mitglieder des dominikanischen Generalstabs bereit erklärt hatten, eine Übergangsregierung aus Militärs und Zivilisten zu bilden, bekamen die späteren Attentäter Waffen. »Die CIA wollte den Linken zuvorkommen«, ist sich der Verleger Cuello sicher.

Trujillo am 16. Mai 1934 bei den Präsidentschaftswahlen

Auch Pedro Livio Cedeño war Teil des Systems Trujillo – wie alle an dem Anschlag beteiligten Personen. Der 36 Jahre alte ehemalige Artilleriehauptmann war Chef einer Autohandlung und einer Batteriefabrik, die in Besitz des Trujillo-Clans war. Als das Regime immer brutaler wurde, suchte er Kontakt zur Opposition; ebenso wie der Ingenieur Huascar Tejeda, dessen Sozius Roberto Fifí Pastoriza Neret, Salvador Estrella Sadhala, von allen der Türke gerufen, sowie Amado García Guerrero.

Auf dem Weg zur Geliebten

Der Amadito genannte Leutnant war Mitglied der Leibwache von Trujillo. Antonio de la Maza leitete für Trujillo ein Sägewerk in der Nähe der haitianischen Grenze, obwohl er schon seit frühester Jugend ein Gegner des Diktators war. Seinen Bruder Octavio hatte el jefe als lästigen Mitwisser ermorden lassen, weil er an der Entführung eines Oppositionellen beteiligt war. Antonio Toni Imbert war zeitweise Gouverneur einer der Nordregionen gewesen und führte die Geschäfte einer Zementfabrik, ebenfalls im Besitz Trujillos. Auch sein Bruder saß in Trujillos Kerkern. An der karibischen Uferstraße, etwa neun Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, fuhr der Wagen des Diktators in die tödliche Falle der Attentäter.

Der »Ziegenbock« war nur mit seinem Fahrer auf dem Weg zu einer Geliebten – ohne Bewacher. Seine Leiche wurde im Kofferraum des Fluchtfahrzeuges deponiert, um sie den Militärs zu zeigen, die nach Trujillos Tod den politischen Umsturz organisieren sollten. »Aber die USA befürchteten, dass die Verschwörer einen eigenständigen, möglicherweise US-unabhängigen politischen Kurs einschlagen könnten«, sagt Cuello, heute einer der angesehensten Fernsehkommentatoren des Landes. »Deshalb sorgten sie dafür, dass der Militärchef, der zuerst die Leiche Trujillos sehen wollte, um dann aktiv zu werden, nicht zu Hause war.«

Der Umsturz war so bereits im Ansatz gescheitert. Bis auf zwei wurden alle Verschwörer verhaftet oder bei der Festnahme erschossen. Die Inhaftierten ermordete der Sohn Trujillos, Rahdamés, persönlich – einen Tag bevor der Trujillo-Clan am 19. November für immer die Dominikanische Republik auf Druck der USA verlassen musste. Joaquín Balaguer war damals formal Staatspräsident. Er übernahm nun offiziell die Regierungsgeschäfte.

Keine acht Monate war der 1962 erste frei gewählte sozialdemokratische Präsident Juan Bosch im Amt, als das Militär, dem seine sozialen Reformen zu weit gingen, gegen ihn putschte. Und als konstitutionelle Mitglieder der Militärführung 1965 endlich die Rückkehr zur Demokratie forderten, stand das Land am Rande eines Bürgerkriegs. Zehntausende US-Ledernacken gingen daraufhin in der Dominikanischen Republik an Land.

Das Spiel der Macht

In ihrem Gefolge kehrte auch Joaquín Balaguer zurück, der zeitweise in Washington Exil gesucht hatte. Seitdem bestimmt der bekennende Junggeselle und Autor romantischer Liebesgedichte direkt oder indirekt die Geschicke des Landes. José Israel Cuello warnt davor, den Karrierediplomaten zu unterschätzen: »Balaguer beherrscht virtuos das Spiel mit der Macht.«

Zwölf Jahre, bis 1978, regierte Balaguer mit harter Hand. In den ersten fünf Jahren seiner Amtszeit gab es über 1.000 politische Morde, ausgeführt zumeist von Banda genannten Todesschwadronen, die von der Palastclique Balaguers dirigiert wurden. Noch im Mai 1994 verschwand der Journalist Narciso Gonzalez, nachdem er Balaguer wegen seiner autokratischen Machtpolitik in einem polemischen Artikel als einen der »perversesten Männer Amerikas« bezeichnet hatte.

Die Familie Trujillo

»Wir haben zahlreiche Hinweise, dass Personen aus dem Umfeld Balaguers für sein Verschwinden verantwortlich sind«, erklärt der Strafverteidiger Tomas Castro, der die Familie des Opfers vertritt. Aus allen Wahlen ging Balaguer erfolgreich hervor, und da störte es nicht, wenn mal Wahlurnen verloren gingen oder die Stimmauszählung wegen Stromausfall unterbrochen werden musste. Als 1978 aber auch die Carter-Administration seine Wahlmanipulationen nicht mehr mittragen wollte, gab sich viejo zorro, der alte Fuchs, offiziell geschlagen und akzeptierte den Wahlsieg der Sozialdemokraten. Zuvor hatte er noch schnell seine Vertrauten an verantwortlichen Stellen im Staats- und Militärapparat platziert. Der von Balaguers christsozialer Partei dominierte Senat blockierte jede Reform. Als die in Korruptionsskandale verwickelten Sozialdemokraten nach zwei Wahlperioden die Wählergunst verloren, tauchte der greise und bereits vollständig erblindete Patriarch als Retter in der Not auf.

Der lange Arm Trujilos 

Lo que diga Balaguer, was Balaguer sagt, gilt seitdem wieder uneingeschränkt. Mitte der 90er-Jahre musste sich Balaguer jedoch erneut aus der öffentlichen Politik zurückziehen. Wieder hatte er sich bei Wahlmanipulationen erwischen lassen. Seinen Nachfolger für vier Jahre, den 40-jährigen Leonel Fernández von der Befreiungspartei, ließ er nun in Abständen in seine Villa bestellen, um dem »kleinen Jungen«, wie er ihn gerne titulierte, die Leviten zu lesen.

Eine Balaguer'sche Form zu demonstrieren, wer das Sagen im Staate hat. Im vergangenen Jahr - inzwischen knapp 94-jährig – meldete Balaguer erneut seine Präsidentschaftskandidatur an; er belegte nur den dritten Platz. Mit 49,9 Prozent verfehlte der sozialdemokratische Präsidentschaftsaspirant Hipólito Mejía die notwendige absolute Mehrheit und hätte sich einem zweiten Urnengang stellen müssen. Aber nach einem Besuch beim »alten Fuchs« durfte Mejía verkünden: »Balaguer unterstützt meinen Wahlsieg.« Der Zweitplatzierte gab auf. Mejía machte Kompromisse bei der Besetzung der Ministerposten, indem er zum Teil enge Vertraute Balaguers ins Kabinett holte. Und bei wichtigen Gesetzesvorhaben fährt er beim Ex-Präsidenten vor, um zu hören, »was Balaguer dazu sagt«. Trujillos Nachfolger hat das Zepter noch immer fest in der Hand. Erst mit Balaguers Tod*, sagt der Historiker Roberto Cassá, wird der Trujillismus in diesem Land sterben. Wenigstens symbolisch.

 

* Balaguer starb am 14. Juli 2002 in Santo Domingo im Alter von 95 Jahren – hud

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