Kaffee am Puls der Zeit

Szenetreff in der »Zona Colonial«

Seit Jahrzehnten ist das Café »La Cafetera« Treffpunkt der Intellektuellen in Santo Domingo

von Hans-Ulrich Dillmann, die tageszeitung (sonntaz) 21. Januar 2012

In La Cafetera spürt man den Puls der Stadt. Und der schlägt manchmal reichlich hoch in Santo Domingo, der dominikanischen Hauptstadt. Vor allem wenn Wahlen gewesen sind und ausgerechnet der politische Gegner das Rennen für die kommende Legislaturperiode gemacht hat. Dann brodelt es auf den roten Kunstlederdrehsitzen aus den 60er-Jahren und schnell erhitzen sich die Gemüter in der Kaffeebar im historischen Zentrum Santo Domingos.

Dann reißen die Gäste Zeitungsverkäufer Ronny die Nachmittagszeitung aus der Hand, durstig nach den Neuigkeiten des Morgens. Dann beschuldigen sie den Nachbarn, der gedankenverloren mit einem Löffel seinen Kaffee schlürft und natürlich die falsche Partei gewählt hat, an dem nur mit unsauberen Mitteln zustande gekommenen Wahlergebnis schuld zu sein.

»Kaffee, süß wie ein Kuss«

Franklin Brito, der Vetter des heutigen »La-Cafetera«-Besitzers, steht hinter dem Tresen und erfreut sich sichtlich daran. Hitziger Gesprächsstoff gehört zu La Cafetera wie ein Kaffee, der »so süß wie ein Kuss« ist, wie schon der bekannte dominikanische Merengue-Sänger und Komponist Juan Luis Guerra in einem seiner Hits verkündete. Mit verschmitztem Lächeln und einem entschuldigenden Schulterzucken kommentiert Brito die heftigen, manchmal lauten Dispute, die über die Theke und die Tassen hinweg geführt werden.

»La Cafetera« bereitet den besten Kaffee in der »Zona Colonial« Alle Fotos: Hans-Ulrich Dillmann

Ratlos über so viel »karibische Emotion« und Streitlust bestaunt ein deutsches Touristenpaar, das eigentlich nur in Ruhe eine Kaffeepause machen wollte, das Geschehen. Durch einen Reiseführer sind sie auf den »Geheimtipp« für Reisende aufmerksam geworden. Die Saftpresse quietscht und grollt, während frischer Orangensaft ins Glas läuft.

Treffpunkt der Exilspanier

So geht das schon seit acht Jahrzehnten. Themen und Schwerpunkte ändern sich im Laufe der Zeit, La Cafetera aber ändert sich nicht. Das kleine Café, das sich wie ein Schlauch tief in den Häuserblock erstreckt, bleibt sich treu.

La Cafetera ist eine Institution. Im Jahr 1930 eröffnete Benito Paliza seine Kaffeebar. Hier röstete der baskische Einwanderer seinen Kaffee »El Negrito«. Und den »kleinen Schwarzen« konnten die Gäste direkt an der Theke, frisch gemahlen und aufgebrüht, trinken.

Auf Initiative des Basken Paliza entwickelte sich das Café zu einem bekannten Treffpunkt, zum intellektuellen Szenetreff der dominikanischen Hauptstadt. Tertulias, Gesprächskreise über Literatur und Malerei, entstanden – lauthals über Politik wurde jedoch nicht gesprochen.

Die strategische Bedeutung erkannte der berühmt-berüchtigte dominikanische Diktator Rafael Leónides Trujillo Morillo, der die Republik von 1930 bis 1961 beherrschte. Er schickte seine »Caliés«, seine Spitzel, vor Ort, um den Besuchern der Kaffeebar aufs Maul schauen zu lassen und gefährliche Hitzköpfe aus dem Verkehr zu ziehen.

Gedenktafel an die spanischen "Republikaerr"

Hier trafen sich in den 30er-Jahren die Exilspanier, die Trujillo nach der Niederlage gegen das franquistische Spanien aufgenommen hatte, obwohl er selbst ein Freund des spanischen Diktators Franco gewesen war. Er wollte sich für die Entwicklung des Landes die Fähigkeiten der »europäischen« Männer und Frauen sichern. Auch die von Hitler vertriebenen Juden aus Österreich und Deutschland fanden im Land Aufnahme und in der La Cafetera einen beliebten Treffpunkt. »Hier durften die Ausländer auch über Politik reden und ihre Exilzeitungen verkaufen«, erzählt Brito.

Kontrollierter Freiraum

Ein kleiner Freiraum, den der Potentat jedoch gut unter Kontrolle hatte. Bücher und Zeitungen werden noch immer über die Theke verkauft. Trujillo-Biografien, Berichte der Widerstandskämpfer, die Foltergefängnisse und bewaffnete Überfälle überlebt haben, stehen neben Büchern mit dominikanischen Kochrezepten. Trujillo wurde 1961 von Attentätern erschossen, die auch hier ihre »Negritos« genossen haben.

Das Mobiliar aus den 60er-Jahren schafft Ambiente. Morgens um sieben Uhr gibt es kaum einen Platz an der Theke. Mittags gibt’s den schnellen Kaffee. Und noch immer treffen sich Männer nachmittags, um beim starken Kaffee, die Zeitung abzuwarten, die die Neuigkeiten aus aller Welt verkündete. 15 Pesos pro Zeitung, umgerechnet 30 Cent, kassiert Ronny, wenn er die Barhocker abläuft und seine Mittagszeitung »El Nacional« verkauft.

Maler und PoetInnen, KunsthandwerkerInnen und TheaterdramaturgInnen lassen sich in »La Cafetera« Sandwichs mit Hinterschinken oder mit Käse und Schinken zubereiten: Die »Schönen der Nacht«, die einen weißen dickbäuchigen Touristen im Schlepptau haben, machen hier Pause beim Einkaufsbummel durch die koloniale Altstadt. Gerüchte verschmelzen hier mit Fakten, Wunschdenken wird im Gespräch zur Fastrealität, verrührt wie der »Medio Pollo«, ein dünner Kaffee, der mit Kondenz- oder H-Milch und reichlich Zucker versüßt wird.

Die Kommentaristen schnappen in »La Cafetera« ihre Themen auf, die sie am Abend in Radio- oder Fernsehprogrammen ins Zentrum ihrer Analysen stellen oder im Frühstücksfernsehen bissig ad absurdum führen wie José Israel Cuello. Den ehemaligen Chefideologen der dominikanischen Kommunistischen Partei, der nicht mehr an die Überlegenheit der kommunistischen Ideologie glaubt und der seinen Kaffee künstlich versüßt, trifft der Gast hier »beim Puls nehmen«, aber auch Narciso Isa Conde, ebenfalls ehemaliger KP-Chef, der heute auf die Einheit der bolivaristischen Bewegung bei der Befreiung vom Kapitalismus setzt und auf unbehandelten Rohrzucker als Kaffeesüße setzt.

Kulturtreff in der Fußgängerzone El Conde

Der Historiker Franklin Franco, ein Sozialdemokrat der ersten Stunde, der mit seiner Zigarettenspitze an der Theke sitzt und seinen Kaffee besonders süß mag, unterhält sich mit Kollegen während im Hintergrund die 30 Jahre alte Espressomaschine Marcfi dazu grummelt und Kaffee frisch gemahlen wird. »Das Altstadt müsste eigentlich das kulturelle Zentrum der Stadt sein, aber zu deren Erhalt wird kaum was getan«, findet Brito, während er für einen Cappuccino Milch erhitzt, dessen Milchschaumkrone er mit Zimt dekoriert.

Melvin mit seinem kleinen Hütchen mit Pepita-Muster auf dem krausen Haar mischt sich ins Gespräch. Er ist Maler und macht ab und an mit Freunden in einer Kneipe der Zona Colonial Musik. „Wir brauchen keine Kultur, wir sind die Kultur“, sagt er. Die Runde an der Theke lacht.

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