Einsame Insel im Pauschalparadies

Dominikanische Republik

Immer nur »Alles inklusive«? Quatsch! Der Karibikstaat hat viel mehr zu bieten als protzigen Luxus und gutes Wetter

Von Hans-Ulrich Dillmann, die tageszeitung (sonntaz) 21. Januar 2012

Der Bug des kleinen Schnellboots durchstößt die Gischtkrone der Welle. Salzige Nässe legt sich auf die Lippen und benebelt den Blick durch die Brille. »Haltet euch fest!«, ruft Skipper Edwin, während er die Lenkstange des Außenbordmotors herumreißt. Hinter der kleinen Felsnase wird endlich Playa Rincón sichtbar.

Die sichelförmige Sandbucht auf der dominikanischen Halbinsel Samaná ist seit Jahrzehnten ein Geheimtipp für Individualtouristen und hat noch immer nichts von ihrem Reiz verloren. Rund drei Kilometer lang feiner weißer Sand und Palmen, die sich seicht im Wind wiegen. »Und kein Tourist«, freut sich Ruby.

Dafür hat Doña Francisca dort, wo der Fluss Caño Frio sein angenehm kühles Süßwasser in die einsame Bucht ergießt, ihre Frittierküche aufgebaut. Vier Balken sind in die Erde gerammt, Pressspanwände und ein Wellblechdach schützen vor Wind und Wetter. Auf einer zum Holzkohleherd umgebauten Autofelge gart schon der mit Bohnen vermischte Reis. »Moro gibt’s, dazu frisch gegrillte Langusten oder frittierter Fisch«, wirbt die 60-Jährige für ein Mahl nach ausgiebigem Bad. »Das Bier ist eisgekühlt.«

Auch das Wetter zeigt sich im Nordosten des Landes von der besten dominikanischen Seite: Nur wenige Wölkchen sind am blauen Karibikhimmel. Während an der Nordküste rund um Puerto Plata und Sosúa sowie im Osten bei Bávaro und Punta Cana die Alles-inklusive-Hotels dicht an dicht stehen, hat der Entdeckungswillige die Halbinsel Samaná fast für sich.

Ein Großteil der anderen Buchten, wie zum Beispiel die idyllische Playa de Frontón, lässt sich nur mit dem Boot erreichen. Wenige auch mit einem fahrbaren Untersatz, aber erst nach einer anstrengenden Tour mit einem Allradfahrzeug über ausgewaschene und morastige Wege. Da lohnt sich doch die Ausgabe von 40 Euro für die Sechspersonengruppe von Las Galeras aus zum fünf Bootsminuten entfernten Playa Rincón, für den ein Hotelkonzern zwar schon eine Baugenehmigung hat, doch die notwendige Logistikinvestition für den Betrieb lohnt sich derzeit nicht – noch nicht.

Die Massen sind bislang ausgeblieben

Obwohl die dominikanische Regierung vor fünf Jahren einen eigenen internationalen Flughafen auf der Halbinsel eingeweiht hat, sind die Massen aus Europa und Nordamerika auf der 854 Quadratkilometer großen Peninsula ausgeblieben. Als ob die Natur in Konkurrenz zur Renditeabwägung der Reiseveranstalter kalkuliert, hat sie sich scheinbar dem »Klein ist fein«-Leitgedanken verschrieben und sich erfolgreich allen geplanten Großprojekten mit ihren eigenen Mitteln widersetzt.

Zur Freude der Individualtouristen lassen sich in den oft winzigen Buchten keine Großhotelanlagen errichten. Alles andere rechnet sich nicht.

Das mit Palmen bewachsene Samaná ist noch immer etwas für jene, die auf eigene Kappe reisen wollen – Entdecker eben. »Wir haben für alle was anzubieten, Principe«, versichert Carlos, der Fremdenführer. Für ihn sind alle Prinzessinnen und Prinzen, die sein Land besuchen. Und Samaná zeigt er, wenn Besucher die Schönheiten des Landes fernab vom Massentourismus kennenlernen wollen.

Über Jahre haben die Verantwortlichen der dominikanischen Touristenindustrie das finanzielle Potenzial von Reisenden unterschätzt, die sich nicht von professionellen Reiseorganisatoren ein Ferienpaket schnüren lassen wollen, bei dem alle Unwägbarkeiten ausgeschlossen und jeder Urlaubstag vorhersehbar ist wie der Sonnenaufgang im Osten und das abendliche Verschwinden der Sonne im Westen. Aber auch Rucksackreisende sind nicht knauserig in ihren Ferien, wenn das Angebot stimmt.

Erst mit dem Ende des Besucherbooms vor elf Jahren begann in der Dominikanischen Republik das Umdenken. Den damals fast ins Bodenlose gefallenen Zimmerpreisen versuchte man mit Masse und mit immer billigerem Service so lange zu begegnen, bis den Billigheimern aus Europa, aber vor allem denen aus Deutschland, das Interesse verging, weil in anderen Ländern noch niedrigere Preise geboten wurden. 1999 wurden mehr als 450.000 Deutsche auf der zweitgrößten Karibikinsel registriert, heute sind es 181.000 – Tendenz allerdings wieder steigend.

Seit dem Umdenken werden Bergwanderungen und Abenteuerurlaub in den Zentralkordilleren angeboten, können Wildwasserfreunde den größten Fluss der Karibik, den Río Yaque, mit dem Schlauchboot unsicher machen und zwischen Wasserstrudeln und -schnellen hindurch manövrieren oder sich durch Wasserfälle abseilen. Paragliding, Wasserfallklettern, Mountainbiking, Trekking – hier gibt es nichts, was nicht angeboten wird.

Palmendächer statt Hotelanlagen

Dem Platzen der Touristenboomblase verdankt auch der schönste Strand Samanás und der gesamten Dominikanischen Republik, die Adlerbucht, ihre derzeitige Unberührtheit. Eigentlich sollten rund um die in der Nähe der haitianischen Grenze gelegenen Bahía de las Aguilas längst Großhotelanlagen stehen. Jetzt gibt es nur eine mit einem Palmdach gedeckte Großhütte mit Aussichtsplattform und eine Bootsanlegestelle. Der Strand ist nur mit einem Geländewagen zu erreichen, und das verschärfte Gesetz zum Naturschutz wird endlich durchgesetzt.

»Wer die Naturschönheiten und die Menschen des Landes kennenlernen will, muss sich auf eigene Faust durchs Land bewegen«, rät Kim Bedall, Naturschützerin und Tourismusexpertin. »Die Dominikaner sind freundliche Menschen, die Besucher mit offenen Armen empfangen.« Bedall organisiert von Dezember bis März Bootstouren in der Bucht von Samaná. Dann treffen in dem engen Seegebiet Hunderte von Buckelwalen ein, um sich in dem warm temperierten Karibikgewässer dem Liebesspiel hinzugeben und ihre Jungen bei der Rückkehr im Folgejahr zur Welt zu bringen. Die zwölf bis 15 Meter großen und tonnenschweren Riesensäuger kommen schon seit Jahrtausenden, Walbeobachten hat sich allerdings erst seit ein paar Jahren zur Attraktion der Region ausgeweitet.

Zum Versteck der segelnden Raubritter

Wer von Santa Barbara de Samaná aus die Fähre über die Bucht nach Sabana de la Mar nimmt, kann kurz nach der Ankunft in der verschlafenen Ortschaft mithilfe ortskundiger Führer in eine beeindruckende Hügelwelt eintauchen: Los Haïtises. Dicht an dicht ragen Kegelhügel aus Karststein empor, die dem tropischen Regenwaldlabyrinth den Namen gegeben haben: Land der Hügelchen. Das Wasser hat mit der Zeit zudem Hunderte von Hohlräumen in die grünen Kuppen gewaschen. Über Jahrhunderte diente die Hügellandschaft als ideales Versteck für die segelnden Raubritter der Karibik.

Hier findet man die Spuren der Taínos: Die Bewohner der 1.600 Quadratkilometer großen Naturschutzzone nutzten die ausgewaschenen Naturhöhlen als Kultstätten und nach der Eroberung der Insel durch die Spanier als Zufluchtsort vor Verfolgung und Ausrottung. Die »Cueva de las Lineas« ist reich verziert mit Zeichnungen der Ureinwohner, die die Jahrhunderte überdauert haben.

Zurück in Samaná führt die Fahrt über El Limón mit seinem Wasserfall, der mit dem Pferd in einer Stunde zu erreichen ist, nach Las Terrenas. Auch hier versteckten sich einst Piraten, vor allem französische. Die Piraten sind längst verschwunden, das französische Ambiente nicht: Eine eigene französische Schule unterhält die Auswanderergemeinschaft, drei französische Bäckereien liefern täglich frische Baguettes und Croissants. Kleine Appartements und Strandhäuser bieten für Individualreisende auch mit schmalem Geldbeutel Unterkunft in der Ortschaft, die auch bei deutschen »Aussteigern« beliebt ist. In Playa Bonita sind vor den kleinen Hotels Hängematten zwischen Palmen gespannt, in denen sich der Sonnenuntergang genießen lässt. Der Abend klingt dann im Pueblo de los Pescadores aus. In den ehemaligen Fischerhütten dinieren jetzt Urlauber. Und Carlos animiert im El Mosquito bei Piña Colada und Mojito seine Prinzessinnen und Prinzen, endlich das Tanzbein zu schwingen.

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