Auf den Spuren des »Ziegenbocks«

In der Nacht des 30. Mai 1961 wurde der Diktator Rafael Leónides Trujillo vor 51 Jahren bei einem Attentat erschossen

Bei einem historischen Rundgang durch Santo Domingo können Touristen jene Stätten besuchen, die an einen der grausamsten Tyrannen Lateinamerikas erinnern

von Hans-Ulrich Dillmann, 30. Mai 2012

Sonne, Strand und Palmen – die Dominikanische Republik hat Touristen aus aller Welt mehr zu bieten als entspannte Alles-Inklusive-Erholung um Meeresufer. »Die Menschen wollen mehr über das Land und die Geschichte wissen«, Edwin Aristy. Der 41-Jährige arbeitet seit knapp 20 Jahren als Tourismusführer: »Vor allem europäische Besucher interessieren sich für alles, was mit dem Land zu tun.« Es gibt viel zu sehen in dem Land, das von gut 9,4 Millionen Menschen bewohnt ist: Die afro-karibischen Musiker aus Villa Mella, die zum Weltkulturerbe erklärt wurden, die mit 3.098 Metern höchste Erhebung in der Karibik, der Pico Duarte oder der einsamste Strand der Region, die Adler-Bucht, Bahía de las Aguilas in der Nähe von Pedernales, direkt an der haitianischen Grenze.

Rafael Leónides Trujillo

Historisch, aber auch politisch bewegt das Land seit der Hinrichtung des Diktators Rafael Leónides Trujillo noch immer seine drei Jahrzehnte dauernde blutige Herrschaft, die an der Uferpromenade Malecón in der Hauptstadt Santo Domingo, die damals noch Ciudad Trujillo hieß, im Kugelhagel der Attentäter endete (siehe den Beitrag: »Die Erben des alten Bocks«, Berliner Zeitung vom 26. Mai 2001). »Die Ära Trujillo ist auch emotional ein wichtiger Teil der dominikanischen Geschichte«, sagt Miguel Angel Pérez Ortíz. Zusammen mit seinem Kollegen Aristy bietet er Touren in der Karibikrepublik an, die einen anderen Blick aufs Land eröffnen. Und da der »Ziegenbock« Trujillo, wie er in der Bevölkerung hinter vorgehaltener Hand wegen seiner Abenteuer mit Frauen genannt wurde, ein wichtiges Kapitel in der Geschichte darstellt, bieten die Touristenführer eine Tour auf den Spuren des »Chivos«, so lautet der Name des Ziegenbocks auf Spanisch, an.

Rundfahrt mit historischen Pkws

Drei Stunden werden die Besucher in einem historischen Fahrzeug aus den 50er- und 60er-Jahren von einem Chauffeur in einer Uniform aus jenen Tagen durch die Straßen der heutigen 3,5 Millionen Einwohner-Metropole gefahren, und erfahren an historischen Stätten mehr über den Diktator, sein Wirken und seinen Terror, über die Menschen, die unter ihm litten, und über jene, die ihn dann hinrichteten. »Mataron el Chivo«, diesen Merengue begannen die Menschen zaghaft nach seinem Tod und der Flucht des Trujillo-Clans in den Straßen Santo Domingos, das nach seinem Tod wieder den alten Namen erhielt, zu singen. Die Spuren, die an die Diktatur erinnern, sind nach zahlreich.

 

Die Tour in acht Station:

Erste Station:

Museum des dominikanischen Widerstandes

Das Museo Memorial de la Resistencia Dominicana befindet sich in der Straße Padre Bellini und wurde im vergangenen Jahr eingeweiht. In dem Gedächtnismuseum, das dem dominikanischen Widerstand gewidmet ist, erfahren die Teilnehmer während des Besuches Details aus der dominikanischen Geschichte, und wie es Trujillo schaffte, als einfacher Soldat im Dienste der US-Besatzer in den Jahren 1916 bis 1924 zum General zu werden und sich 1930 als Alleinherrscher des Landes zu installieren.

Zweite Station:

Plaza Patriótico

Am Plaza Patriótico, dem Patriotischen Platz Juan Tomas Díaz und Antonio de la Maza stehen die Büsten von zwei der aktiven Teilnehmer an dem Attentat, die dort von einer Streife der Geheimpolizei gestellt und erschossen wurden. Díaz und de la Maza hatten sich auf ihrer Flucht in dem gegenüberliegenden Gebäude der Freimaurerloge versteckt. »Bereits in den 50er-Jahren trafen sich Mitglieder der Gruppe der späteren Attentäter, um zu überlegen, wie sie das Land von der blutigen Unterdrückung Trujillos befreien könnten«, erzählt Aristy auf der Rundreise durch die Stadt. »Hier erfahren die Besucher Details, die wir uns nicht nur aus Büchern angelesen, sondern auch im Gespräch mit Personen erfahren haben, die diese Epoche noch aktiv erlebt haben.«

Dritte Station:

Palacio Nacional

Palacio Nacional, Nationalpalast. Der Grundstein für das neoklassizistische Gebäude, das der italienische Architekt Guido D’Alessandro entworfen hatte, wurde am 100. Jahrestag der Republikgründung am 27 Februar 1944 von Trujillo gelegt. Beendet wurden die Bauarbeiten erst am 16. August 1947, dem Jahrestag der Restauration, der erneuten Unabhängigkeit von Spanien. Trujillo, der selbst farbige, aus Haiti stammende Vorfahren hatte, »hasste Schwarze« und duldete eigentlich nur weiße Wachen im Palast. Bis er eines Tage einen dunkelhäutigen Wachposten beim Betreten entdeckte. »Er hatte seine Einstellung auf Empfehlung selbst angeordnet, ohne ihn je gesehen zu haben«, hat Aristy recherchiert. »Der Arme musste trotzdem aus dem Gesichtsfeld Trujillos verschwinden und wurde in der Küche weiter beschäftigt.« Von dem Prachtbau mit 18.000 Quadratmetern, dem großen dreigeschossigen Gebäude mit griechisch-romanischen Barockelementen, geht es über die Avenida México, an der sich damals die Clinica International, heute ein Bürogebäude und italienisches Restaurant, befand. Dort wurde einer der Attentäter, Pedro Livio Cedeño, der beim Anschlag verletzte wurde, ärztlich versorgt und dann verhaftet.

Vierte Station:

Plaza de la Cultura. Auf dem riesigen Areal an der Avenida Máximo Gómez befindet sich heute das National Theater, das Museum für Moderne Kunst, das Museum für Naturgeschichte und das antropologische Museum der Dominikanischen Republik sowie die Cinemateca und die Nationalbliothek. Zu Trujillos-Zeiten war dort die nach seinem Sohn benannte Estancia Radhamés mit der Villa des Diktators und seiner Lieblingstochter Angelita. Dazu gehörte ein 1.540 Quadratmeter großes Fitnesszentrum mit, einem riesigen Schwimmbecken und eine Rollschuhbahn für die Enkel des Tyrannen. Nach dem Sturz wurden die Gebäude geplündert, in den 70er-Jahren abgerissen und das Gelände zu einem Platz für Kultureinrichtungen des Landes umgebaut. »Bei seinem Tod besaß Trujillo«, erzählt Aristy als eine Episode, »10.000 Krawatten, 500 Paar Schuhe, sein Besitz bezifferte sich auf rund 600 Millionen US-Dollar.«

Rundfahrt

Über die Avenida Gómez geht es dann vorbei an der Nunciatur, der päpstlichen Vertretung in der Dominikanischen Republik, mit der der Diktatur zum Ende seiner Herrschaft in ständigem Streit lag und an der Residenz seines Marionettenstaatschefs Joaquín Balaguer, bis zur Uferstraße, ein Weg den Trujillo täglich für seine abendlichen Spaziergänge und für Treffen mit Untergebenen nutze.

Fünfte Station:

Antigua Estancia de Ramfís Trujillo. Eines der insgesamt 37 Häuser des Diktators in der damaligen Hauptstadt ist heute Sitz des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten: die Estancia Ramfís, wo der Sohn Trujillos wohnte, der schon im Alter von vier Jahren einen Offiziersrang hatte und der sich nach dem Tod seines Vater durch besondere Grausamkeit hervortat. Das Außenministerium liegt auch an der Uferpromenade Malecón, die damals den Namen Paseo Trujillo trug.

Sechste Station:

Mausoleo de los Héroes

Das Mausoleo de los Héroes de Constanza, Maimón y Estero Honda. In dem Mausoleum der Helden von Constanza, Maimón und Estero Hondo ruhen die sterblichen Überreste der Mitglieder der Guerilla-Gruppe, die am 14. und 20. Juni 1959 versucht haben, mit einer bewaffneten Invasion Trujillo zu stürzen. Von den 198 Mitgliedern der drei Gruppen, die in den Bergen von Constanza mit einem Flugzeug und an der Nordküste mit Booten landeten, starben fast alle. 158 Tote sind in der Gedenkstädte in einem Ehrengrab bestattet.

Siebte Station:

Monumento a la Feria de la Paz y de la Fraternidad del Mundo Libre. Mit der »Messe für den Frieden und die Brüderlichkeit der freien Welt« wollte sich der Diktatur 1955 anlässlich der 25. Jahre an der Macht, ein eigenes Denkmal setzen, als unermüdlicher Kämpfer gegen den Kommunismus und für die Freiheit der Welt. Von der Feria, dem heutigen Regierungsviertel mit Deputiertenkammer und Senat, dem Obersten Gerichtshof, Ministerien und der Stadtverwaltung, führt die Uferstraße an der „Ciudad Ganadera“ vorbei. »Der Viehmarkt«, erzählt Aristy, »war für Trujillo wichtig. Er hatte Tausende von Hektar Land auf denen er Vieh züchtete.« Auch dazu kann der »Fremdenführer« eine Anekdote über »El Jefe«, wie er respektvoll angesprochen wurde beitragen: Der argentinische Diktator Juan Perón schenkte dem Viehzüchter Trujillo einen reinrassigen Stier. Aber obwohl er in einer auf Maß angefertigten Transportkiste in Santo Domingo ankam, schien ihm die Überfahrt nicht gut getan zu haben, denn als er auf der Hacienda Fundación, einem Besitz im Süden der Hauptstadt ankam, gebärdete sich der Stier wie eine Furie und zerstörte alles was sich ihm in den Weg stellte. Als der Aufseher den Stier mit seinem Pferd wieder einfangen wollte, tötete der wild gewordene Bulle das Pferd, der Aufseher konnte sich nur mit Not auf einen Mangobaum flüchten. Letztendlich tötete der Aufseher den Zuchtstier. »Nicht einmal einen halben Tag hat er seinen Aufenthalt auf der Farm überlebt. Als Trujillo das hörte, ließ er den Mann unverzüglich inhaftieren und zu einer zweimonatigen Haftstrafe bei Brot und Wasser verurteilen, weil er sein Eigentum beschädigt hatte. So war Trujillo.«

Achte Station:

Denkmal am Ort des Attentats

Monumento Conmemorative al Ajustciamiento del Chivo. Die Gedenkstätte direkt am Karibischen Meer am Malecón, der Uferpromenade von Santo Domino, wurde an der Stelle errichtet, wo der »Ziegenbock« bei einem Attentat am 30. Mai 1961 neben einer Kokospalme erschossen wurde. Das Denkmal, das 1996 eingeweiht wurde, hat der dominikanische Künstler Silvano Lora, der 2003 verstorben ist, entworfen. Mit drei Fahrzeugen stellten die sieben direkt beteiligten Attentäter Trujillo, der auf dem Weg zu einer Geliebten war, eine Falle und erschossen ihn nach einem heftigen Schusswechsel: Antonio Imbert Barrera, ein Militär, 91 Jahre alt und heute einziger Überlebender, sowie Pedro Livio Cedeño, Antonio de la Maza, Roberto Pastoriza Neret, Teniente Amado García Guerrero, Huáscar Tejeda Pimentel und Salvador Estrella Sadhalá, die am 18. November 1961 von den Söhnen Trujillos ermordet wurden, bevor sie das Land verließen.

 

Info: »La Ruta del Chico«

Die Tour wird samstags und sonntags von 9 bis 12 Uhr oder von 14 bis 17 Uhr angeboten. Abfahrtspunkt ist die Avenida del Puerto in Santo Domingo, gegenüber der Hafenanlegestelle Don Diego. Die Rundfahrt wird von einem Touristenführer begleitet. Der Preis US$ 100. Reservierung über Reisebüros oder über: www.raices.com.do, Fotos: Raíces

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