Handbuch des Antisemitismus

Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart: Handbuch des Antisemitismus – Wolfgang Benz (Herausgeber)

Band 1: Länder und Regionen. Darin Beitrag auf den Seiten 103 – 107 über die Dominikanische Republik

von Hans-Ulrich Dillmann

Das Handbuch des Antisemitismus versammelt das vorhandene Wissen zum Phänomen der Judenfeindschaft ohne zeitliche und räumliche Begrenzung, Antisemitismus als ältestes religiöses, kulturelles, soziales und politisches Vorurteil wird in allen Aspekten dargestellt und erläutert: als Einstellung, als Politikmuster, als Instrumentalisierung von Emotionen, als Aggression vom Pogrom bis zum Genozid. Terminologische Probleme und Theorien der Antisemitismusforschung werden ebenso dargestellt wie Ereignisse und Sachkomplexe, Organisationen und Publikationen.

Band 1

Auch die Wirkungsgeschichte des Antisemitismus wird in Beiträgen über Film, Theater, Literatur und Kunst berücksichtigt. Die Verfasser sind international renommierte Historiker, Politologen, Sozialwissenschaftler, Psychologen, Literaturwissenschaftler und andere ausgewiesene Fachleute, die den aktuellen Stand der Forschung präsentieren. Der erste Band Länder und Regionen enthält Artikel zur Judenfeindschaft in 85 Ländern und Regionen. Die Beiträge sind von hervorragenden Kennern der Thematik in der jeweiligen Region verfasst. Alle Beiträge stellen sowohl die historische Entwicklung jüdischen Lebens wie aktuelle Ausprägungen von Judenfeindschaft dar. Behandelt werden alle wichtigen Staaten, außerdem historische Räume – wie Bessarabien, Bukowina. Transnistrien. Der Band bietet eine Topographie des Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart.

 

Handbuch des Antisemitismus

Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart

Herausgegeben von Wolfgang Benz

Band 1: Länder und Regionen (erschienen im Juni 2008)

De Gruyter Saur, München 2008, 443 S., 99,95 €, ISBN 978-3598240713

http://zfa.kgw.tu-berlin.de

 

Beitrag Seiten 103 – 107

Dominikanische Republik

von Hans-Ulrich Dillmann 

Die Vertreibung aus dem iberischen Siedlungsgebiet der Juden und die Gründung von jüdischen Gemeinden in der »Neuen Welt« stehen im unmittelbaren Zusammenhang mit der Besiedlung des Karibikraumes. Tausende Juden flohen Anfang August 1492 aus dem Einflussbereich der katholischen Könige vor der Inquisition. Am 2. August 1492 setzten im spanischen Hafen Palos drei Karavellen unter dem Kommando von Christoph Kolumbus Segel: Von den 90 Männern an Bord der drei hochseetüchtigen Segelschiffe waren viele zwangsgetaufte Juden. Ohne die Beteiligung von Juden ist die Besiedlung und »Eroberung« des karibischen Raums und des amerikanischen Kontinents nicht denkbar.

Von Luis de Torres (Dolmetscher von Christoph Kolumbus) ist bekannt, dass er kurz vor der großen Reise getauft wurde und mit an Bord gehen durfte, weil er Hebräisch, Aramäisch und andere östliche Dialekte beherrschte. Auch auf den folgenden Reisen trugen nicht wenige Seeleute und Abenteurer jüdische Namen, wie der dominikanische Historiker Carlos Esteban Deibe bei der Revision der Besatzungsliste der Schiffe herausgefunden hat. Die Mehrheit der Juden siedelte sich in Santo Domingo an, dem ersten von den Kolonialisten gegründeten Ort Amerikas. In dieser Epoche ankerten immer wieder Schiffe mit jüdischen illegalen Einwanderern vor der »ersten Stadt in der Neuen Welt«. Die Dominikanische Republik und Haiti teilen sich heute die zweitgrößte Karibikinsel Hispaniola (Kleinspanien), wie sie Kolumbus getauft hatte. Während der ersten Jahrzehnte der Konquista bestimmten »Juden und Übergetretene« das wirtschaftliche und politische Leben auf dieser Insel.

Sehr schnell begannen die Konvertiten ihre jüdischen Traditionen wieder aufzunehmen, bis der lange Arm der Inquisition das Chaos der Eroberung beendete und erneut den »religiösen Freiraum« abrupt beendete. Mit Datum vom 22. Juni 1497 verboten die katholischen Könige nicht nur die Einwanderung von ehemaligen Juden nach Santo Domingo, wie die Insel damals noch genannt wurde, sondern auch jede nicht katholische Religionsausübung. Vier Jahre später wurde dieses Dekret noch einmal bekräftigt mit der ausdrücklichen Feststellung, dass »lslamisten, Juden, Herätiker und Versöhner das Betreten der Insel verboten ist, um die Bekehrung der Indios nicht zu vereiteln«. Ein weiteres Mal mussten die Juden fliehen, um sich der Verfolgung zu entziehen.

Der Karibikraum verdankt dieser Vertreibung von damals seine wirtschaftliche Entwicklung. Neuchristen und Juden widmeten sich dem Aufbau der Zuckerrohrplantagenwirtschaft in Brasilien mit Genehmigung des portugiesischen Königs, bis sie auch von dort vertrieben wurden. Erst Franzosen, Briten und vor allem die niederländische Krone duldeten die erfolgreichen Kaufleute und Händler auf ihren Inseln. Noch heute rühmen sich das zum britischen Commonwealth gehörende Barbados und die niederländischen Antilleninsel Curaçao ihrer Erstsiedler, der sephardischen Juden.

Der Vertrag von Ryswick (1697) zwischen Spanien und Frankreich, der die Insel in zwei Einflussbereiche aufteilte, gestattete die – wenn auch zögerliche – Rückkehr der jüdischen Händler. Der Westteil der Insel wurde französisch, der Ostteil blieb unter spanischer Kolonialherrschaft bis zu seiner Unabhängigkeit 1844. Meist lebten die Juden jedoch im französischen Teil und reisten nur sporadisch in den Ostteil der Insel. Als 1824 der erste »Friedhof für Ausländer« in Santo Domingo, der heutigen Hauptstadt der Dominikanischen Republik, geweiht wurde, nutzen ihn anfangs vor allem Juden. Der älteste jüdische Grabstein, der sich auf dem Alt-Friedhof in der Innenstadt, in der Nähe des Unabhängigkeitsplatzes findet, ist auf den 6. Dezember 1826 datiert und trägt die Aufschrift »Jacob Pardo, natif de Amsterdam«.

Schon damals gab es innerhalb der Bevölkerung, darin sind sich alle Historiker des Landes einig, keinerlei Ressentiments gegen die Juden oder Anzeichen von organisiertem Antisemitismus. In der Endphase der spanischen Kolonialherrschaft und auch während der vorübergehenden Besetzung durch die Nachbarrepublik Haiti spielten die Juden eine wichtige Rolle bei dem, was man heute Nationbildung nennt. Sie waren teilweise die intellektuellen Vordenker der Unabhängigkeitsbewegung. Die jüdischen bzw. die einstmals jüdischen Kaufleute finanzierten zum Teil gerade die liberalen Strömungen dieser Bewegung. 20 bis 30 Prozent der im wirtschaftlichen Sinne besser gestellten heutigen Bevölkerung der Dominikanischen Republik haben »jüdische Wurzeln«, wie sich an deren Namen zeigt. Sie erinnern sich stolz ihrer jüdischen Herkunft, auch wenn die Mehrzahl sich heute zum Christentum bekennt. Und die »misma sangre de los judios«, die »Blutsverwandschaft«, bestimmt das Bild der Bevölkerung in Bezug auf die Juden auch in den Medien des rund 9,2 Millionen Einwohner zählenden Landes. Jüdischkeit stand und steht noch für Prosperität, wirtschaftliche und politische Entwicklung.

Erst mit der Besetzung des spanisch geprägten Teils der Insel Hispaniola durch das 1804 unabhängig gewordene Haiti entstanden ansatzweise so etwas wie antijüdische Ressentiments durch die Präsenz von Juden im ehemals französischen Teil des Landes. Noch heute hat die von Mulatten dominierte Dominikanische Republik ein sehr gespanntes Verhältnis zur Nachbarrepublik, in der vor allem dunkelhäutige Menschen leben. Von 1822 bis 1844 war das Land von Haiti besetzt. Als sich zwei Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes von Haiti erste nationalistische Stimmen gegen ein Wohnrecht von Juden aussprachen, wies die dominikanische Regierung diese Forderung einer verschwindend kleinen Minderheit mit scharfen Worten zurück. Gleichzeitig wurde die jüdische Beteiligung am Unabhängigkeitskampf des Landes und die Hilfe von Juden bei der wirtschaftlichen Entwicklung gelobt.

Allerdings ging dieser Prozess der Anerkennung einher mit einer immer weiteren Assimilierung der Nachfahren der ersten sephardischen Einwanderer, die Historiker als eine »komplette Auflösung in die einheimische Bevölkerung« beschreiben, die jedoch nicht zwangsweise erreicht worden sei, sondern selbst von den »Hebräern« ausgegangen sei. Gegen Ende des 19. Jahrhundert versuchte der damalige Staatspräsident General Gregorio Luperón (1880-1882), nach dem Bekanntwerden von Pogromen in Russland, Baron Rothschild in Paris und die »Alliance IsraéIite Universelle« für ein gemeinsames Siedlungsprogramm für die Verfolgten zu gewinnen. Ziel war es, die wenig besiedelten Regionen des Landes wirtschaftlich zu fördern, Landwirtschaft und Handel neu zu beleben, und natürlich erhoffte sich Luperón Investitionen für die Landesentwicklung.

Die pro-jüdische Grundtendenz in der dominikanischen Gesellschaft änderte sich auch nicht wesentlich nach der Machtübernahme des Diktators Rafael Leónides Trujillo Molina 1930. Zwar kleidete er sich gerne wie ein Operettengeneral, ließ die Hauptstadt in »Ciudad Trujillo« und den höchsten Berg des Landes in »Pico Trujillo« umbenennen. Offensichtlich liebäugelte er auch mit dem Nationalsozialismus und Adolf Hitler, bewunderte den Duce in Italien und blieb bis zu seinem Tode ein enger Freund des spanischen Diktators Franco.

Bis etwa 1936 besuchten zahlreiche Wirtschaftsdelegationen aus NS-Deutschland die Insel, sie wurde zumindest auf deutscher Seite als potenzieller Marinestützpunkt und Rohstoffquelle gehandelt. Die Nähe zu den Vereinigten Staaten und die in vielen Punkten politische und ökonomische Abhängigkeit von dieser Beziehung ließen allerdings alle Pläne und Versuche einer engen Zusammenarbeit zwischen NS-Deutschland und der Trujillo-Republik scheitern.

Auch die Kabelberichte der Vertretung des Deutschen Reiches in Santo Domingo über eine Ablehnung von jüdischen Einwanderern sowohl von staatlicher Seite als auch von der Bevölkerung dürften mehr dem Wunschdenken der Diplomaten geschuldet gewesen sein, als der Realität auf der Insel entsprochen haben. Zwar führte das Land eine für Juden geltende Visagebühr von 500 US-Dollar ein, der Einwanderung von jüdischen Flüchtlingen in Europa wurden jedoch keine großen Steine in den Wege gelegt. Im Gegenteil: Um die Besiedlung der unerschlossenen Landwirtschaftsregionen anzukurbeln, sein Image international aufzupolieren, nachdem seine Gefolgsleute um die 17.000 Haitianer in der Grenzregion zwischen beiden Ländern massakriert hatten, offerierte der diplomatische Vertreter Trujillos bei der Internationalen Konferenz in Évian 1938 über die jüdischen Flüchtlinge in Europa die Aufnahme von Tausenden aus Deutschland und Osterreich Geflohenen.

1939 wurden verschiedene Siedlungsstandpunkte geprüft, im Januar 1940 dann entsprechende Verträge zwischen der Dominikanischen Republik und der vom »American Jewish Joint Distribution Committee« gegründeten »Dominican Republic Settlement Asociation« über die Ansiedlung von Juden in Sosúa, im Norden des Landes, unterzeichnet. Allerdings betrug die Zahl der als »Colonos« bezeichneten Siedler nie mehr als etwa 800, die Anfang der 1940er-Jahre mit einem Sondervisum einreisen konnten.

Die einstige jüdische Siedlung mit ihrer noch heute zu besichtigenden Synagoge und einem kleinen Museum gilt in der Dominikanischen Republik als Erfolgsgeschichte. Die Kleinstadt mit heute knapp 10.000 Einwohnern – nur noch wenige sind Nachfahren der ehemaligen Siedler –, wurde zur Wiege des dominikanischen Tourismus. Die von den Juden als Genossenschaften gegründeten Milch-, Käse- und Wurstfabriken haben im Land eine Tradition begründet. Milch, Butter, Käse und Wurst mit dem Markenzeichen »Productos Sosúa« stehen immer noch für deutsche Qualität, auch wenn das Unternehmen seit wenigen Jahren zu einem internationalen Nahrungsmittelkonzern aus Mexiko gehört. Etwa 300 Juden, die Mehrzahl in der Hauptstadt Santo Domingo, leben heute in der Dominikanischen Republik.

Zwar finden sich auf der jährlich stattfindenden Buchmesse auch antisemitische Hetzbücher vor allem kolumbianischer und venezolanischer Rechtsverlage. Aber die Berichterstattung der dominikanischen Medien über jüdische Themen als auch über den Nahost-Konflikt ist weitgehend positiv. Die jüdische Einwanderung sowohl während der Zeit der Konquista als auch im 19. und 20. Jahrhundert und die jüdischen Wurzeln vieler Familien werden thematisiert und sind Gegenstand in historischen Abhandlungen, die in den dominikanischen Tageszeitungen veröffentlicht werden.

 

Literatur

Mordechai Arbell, The Jewish Nation for the Caribbean, The Spanish-Portuguese Jewish Settlements in the Caribbean and the Guianas, Jerusalem 2002.

Jean Ghasmann Bissainthe, Los Judios en el Destino de Quisqueya, Santo Domingo 2006.

Carlos Esteban Deive, Los Judios en Santo Domingo y America durante el Siglo XVI, in: Alfonso Lockward, Presencia Judia en Santo Domingo, Santo Domingo 1994, S. 175 ff.

Bernardo Vega, Nazismo, Fascismo y Falangismo en la Repüblica Dominicana, Santo Domingo 1985.

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