Fluchtpunkt Karibik

Jüdische Emigranten in der Dominikanischen Republik

Susanne Heim und Hans-Ulrich Dillmann

Sosúa ist ein beliebtes Ferienparadies in der Dominikanischen Republik - auch für deutsche Karibikurlauber. Vor 70 Jahren, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, war die heutige Kleinstadt im Norden der Insel Hispaniola eine der wenigen »sicheren Häfen« für Juden. Während nahezu alle Länder ihre Grenzen gegenüber den Flüchtlingen aus Nazi-Deutschland verschlossen, sollte ausgerechnet in dem diktatorisch regierten Inselstaat ein landwirtschaftliches Vorzeigeprojekt nach dem Muster jüdischer Kibbuzim entstehen.

Trotz ungeheurer Schwierigkeiten führten deutsche und österreichische Juden auf der Karibikinsel die Milchwirtschaft ein, gründeten Lebensmittelläden, Agrarkooperativen, einen Sportclub, bauten eine Synagoge und ein Krankenhaus.

Hans-Ulrich Dillmann und Susanne Heim schildern die außergewöhnliche Geschichte dieses Siedlungsprojekts, in der sich ein Stück Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt.

Erschienen: Berlin 2009, 192 S., 24,90 €, ISBN 978-3-86153-551-5, 24,90 €, Ch. Links Verlag, Berlin, www.christoph-links-verlag.de

Pressestimmen

Souverän verknüpfen Dillmann und Heim in »Fluchtpunkt Karibik« Alltag und Politik. Auch wenn sie deutlich machen, dass die Siedlung letztlich am Willen der Exilanten scheiterte, die Dominikanische Republik als neue Heimat zu akzeptieren, zeigt ihr Buch zugleich, dass jüdische Flüchtlingsorganisationen damals kaum eine andere Wahl hatten, als das Angebot des Diktators Trujillo trotz seines zweifelhaften Rufs anzunehmen.

Jörg Giese, Rheinischer Merkur

Hans-Ulrich Dillmann und Susanne Heim haben eine wundersame und geradezu unglaubliche Geschichte aufgeschrieben und mit ihrem anrührenden Buch den jüdischen Flüchtlingen in der Karibik ein Denkmal gesetzt.

Cornelia Rabitz, Deutsche Welle

Die Autoren Dillmann und Heim haben in ihrer akribischen, detailgesättigten Studie gut lesbar die Geschichte der kleinen jüdischen Enklave Sosúa an der Nordküste der Dominikanischen Republik nachgezeichnet.

Hans Jochen Pretsch, F.A.Z.

Rezension bei Amazon

Er war ein furchterregender Lebensretter

Von Marion Tauschwitz (Heidelberg), 26. Februar 2010

Hans-Ulrich Dillmann, Journalist und Karibikkorrespondent, der seit Jahren in der Dominikanischen Republik lebt, und die Historikerin Susanne Heim, deren Schwerpunkt nationalsozialistische Judenverfolgung ist, haben sich mit leichter Feder eines schweren Themas angenommen.

Heutige Besucher der Dominikanischen Republik nehmen das im Nordenosten der Insel gelegene Sosua als paradiesischen Ferienort wahr, der Flucht vor dem europäischen Winter bietet. Als 1938 die Eiseskälte einer unmenschlichen Vernichtungspolitik zigtausende Juden in den Tod zu treiben drohte, wurde das Projekt Sosua zum Fluchtpunkt und zur letzten Hoffnung für viele Verfolgte.

Nachdem sich ab 1938 die antijüdischen Kampagnen des Naziregimes verschärften und infolgedessen die Flüchtlingsströme der politisch und rassisch Verfolgten anschwollen, berief der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Franklin D. Roosevelt, im Juli 1938 eine internationale Konferenz in Evian ein: Vertreter aus zweiunddreißig Staaten sollten sich mit dem Problem der Migration der Juden befassen; doch eine humanitäre Lösung fand sich nicht. Kein Land war bereit, die ungeliebten Flüchtlinge aufzunehmen. Nur der Vertreter der Dominikanischen Republik bekundete die Bereitschaft bis zu 100.000 vertriebener Juden im Rahmen eines landwirtschaftlichen Siedlungsprojektes aufzunehmen. Viele Flüchtlinge verdanken ihm das Leben. »Er nahm sie auf, ..., ohne Ansehen ihres politischen Glaubens oder der Religion und 'Rasse', ... Er ließ sie aussteigen. Und das war damals viel. ... Man konnte dem Diktator nicht dankbar sein, man konnte ihm nicht nicht dankbar sein, er war ein furchterregender Lebensretter«, schrieb die Dichterin Hilde Domin in ihren Gesammelten Autobiografischen Schriften. Sie und ihr Mann Erwin Walter Palm fanden 1940 Zuflucht auf Hispaniola und lebten dort zwölf Jahre lang.

Der Diktator Rafael Leónidas Trujillo Molina, der den Inselstaat seit 1930 regierte, hatte es unter amerikanischer Protektion und nach blutigem Putsch zum Staatschef gebracht, der Hauptstadt seinen Namen oktroyiert: Ciudad Trujillo. Er betrieb eine perfide Machtpolitik, seine Wirtschaftspolitik hatte nur die eigene Bereicherung zum Ziel.

Am 2. Oktober 1937 war es nach einer aufpeitschenden Rede Trujillos in Dajabon, dem Grenzort zu Haiti, zu einem grausamen Massaker gekommen, dem an einem einzigen Wochenende bis zu zwanzigtausend Haitianer zum Opfer fielen. Um einer Weltächtung zuvor zu kommen, wollte Trujillo Hunderttausend Flüchtlingen Asyl gewähren, doch nur knapp siebenhundert nahmen sein Angebot an, was u .a. an den strengen Auswahlkriterien für die zukünftigen Siedler lag. Trujillo konnte durch die Aufnahme von Juden in seinem Land nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich profitieren, denn die DORSA (Dominican Republic Settlement Association) kaufte dem Diktator brachliegendes Land teuer ab, um ihr Kibbuz-Modell zu schaffen.

Es gab wohl auch ein persönliches Motiv für die Rettung verfolgter Juden: Trujillos Tochter Flor aus erster Ehe hatte ihren Vater um ein Visum für die deutschstämmige Jüdin Lucy Mai gebeten. Ihre Freundschaft resultierte aus der Internatszeit in Frankreich, wo die Trujillo-Tochter aufgrund ihrer dunklen Haut von den Mitschülern ausgegrenzt worden war und Lucy ihr als Einzige aufrichtige Freundschaft entgegengebracht hatte. Auf ihrer Hochzeitsreise 1932 besuchte Flor Trujillo mit ihrem Mann die Freundin in Deutschland und erkannte die bedrohliche politische Situation. 1938 reiste Lucy mit Ehemann Walter Kahn, Tochter und Mutter in den Karibikstaat.

Das Wachsen, Werden und Scheitern des Kibbuz-Modells Sosua, sein späteres Aufblühen, als die 'Colonos' eigenen Grund und Boden bewirtschaften durften, schildern Hans-Ulrich Dillmann und Susanne Heim eindrücklich in leichtem Erzählduktus, der den Leser fast vergessen macht, welch intensive Recherchen, wieviele Interviews und welche Kenntnis von Land und Leuten dem Buch zugrunde liegen.

Eine außergewöhnliche Geschichte in einem hervorragenden Buch, das ein Fenster zur Weltpolitik öffnet.

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