Viel Süße für ein gutes Jahr

Wie kam das Obst zum Neujahrsfest? Und welche Sorte lässt sich am besten in Honig tauchen?

Am Anfang war ein Biss – und danach war nichts mehr wie zuvor. Der sündige Mundraub vom »Baum der Erkenntnis« hatte katastrophale Folgen: Die ungehorsamen Apfelbeißer Adam und Eva wurden aus dem Paradies geworfen.

von Hans-Ulrich Dillmann & Martin Krauss, Jüdische Allgemeine, 28.09.2011

Das Kernobstgewächs Malus aus der Familie der Rosengewächse (Rosaceae) steht – zumindest im christlichen Sinne – für Verlust. Allerdings taucht der Apfel in der biblischen Erwähnung erst im 13. Jahrhundert auf und geht auf ein lateinisches Wortspiel zurück, das das Übel (malus) mit einem ähnlichen Begriff in Verbindung bringt: Malus ist auch die lateinische Bezeichnung für Apfel.

Für Juden hat der Malus von der Pflanzengattung Pyrinae keine so negative Konnotation wie für Christen. Der Verzehr eines mal roten, mal grünlich-blassen, gelben oder orangefarbenen Apfels steht nicht nur am Ende eines Reifeprozesses, sondern am Beginn eines neuen Jahres, bei dem jeder »eingeschrieben werden möchte«. Rosch Haschana, der Anfang eines süßen, glücklichen Jahres, ist heute ohne Apfel nicht mehr denkbar.

Wer das kommende Jahr gut beginnen will, der bittet nicht nur beim Verzehr von Datteln darum, dass »unsere Verleumder und Ankläger zugrunde gehen«; oder erhofft sich durch den Genuss von vielkernigen Granatäpfeln »möge es Dein Wille sein, dass unsere Rechte sich wie der Granatapfel mehren« – sondern tunkt das in Spalten geschnittene Kernobstgewächs in Honig und wünscht sich: »ein süßes, gutes Jahr«.

Aber wer in den Schriften dem Apfel auf die Spur kommen will, hat es schwer. Der israelische orthodoxe Rabbiner Berel Wein begründet die Nutzung des Apfels mit einem Zitat aus dem Hohelied Salomons: »So wie der Apfelbaum rar und einzigartig unter den Bäumen des Waldes ist, so ist meine Geliebte – Israel – unter den Mädchen (Nationen) der Welt.« (Schir Haschirim 2,3).

Der Apfel, schreibt Wein, solle das jüdische Volk an die Versklavung in Ägypten erinnern. Die schmerzliche Erinnerung sei aber gleichzeitig auch Gedächtnisstütze, eine Offenbarung, ein Hoffnung auf Befreiung vom Joch – eine Zitatstelle, auf die sich die Mehrheit der Rabbinen beruft, wenn es um die Erklärung geht, warum der Apfel zum »Kopf des Jahres« eine solch wichtige Bedeutung hat.

Der orthodoxe Rabbiner Julian Chaim Soussan warnt allerdings vor der Absolutheit der Interpretationen, denn die Quellenlage sei nicht wirklich gesichert. Rabbiner Tuvia Hod, Autor der von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) herausgegebenen Kaschrutliste, sieht neben der Deutung der Schriften eine ganz pragmatische Ursache für den Griff zum Kernobstgewächs, das vornehmlich auf dem europäischen Kontingent vorkam: Just zu Rosch Haschana hängen nach wie vor viele Äpfel an den Zweigen der Bäume, reif zur Ernte.

In Eretz Israel war die runde Frucht mit der bissfesten Schale – anders als der mit dem Malus nicht verwandte Granatapfel (Punica granatum) – anfänglich nicht verbreitet. »Viele Jahre vor der Etablierung des Staates kamen die meisten Äpfel aus Damaskus und aus Rumänien«, schreibt Joan Nathan, preisgekrönte US-Autorin jüdischer Kochbücher zum Thema Apfel und Judentum, »denn die meisten Bauern glaubten nicht, dass im Klima Palästinas Äpfel wachsen könnten.«

Die Ablehnung war groß, wie ein Missionar namens James Turner Barclay feststellte. In seinem 1858 erschienenen Buch City of the Great King beschreibt er die Skepsis der Obstbauern bezüglich des Apfelanbaus: »Es ist überraschend und bedauerlich, dass der Apfel für die Akklimatisation in dieser Region fast völlig unanfällig zu sein scheint.« Wenn es Äpfel gab, dann waren sie importiert. Und selten. Joan Nathan zitiert eine Israelin, die im Tel Aviv der 40er-Jahre aufwuchs. »Für uns war das etwas sehr Spezielles, wenn wir diese Tapuach Zahav, diese Goldenen Äpfel, aus dem Ausland bekamen.«

Erst nach der Ansiedlung vieler Kibbuzim und Moschawim sowie der Bewässerung weiter Teile des Landes wurde Israel zum Apfelland. Auf den Golanhöhen und im Oberen Galiläa – auch Homes in der Nähe von Nablus kann man als eine beinahe traditionelle Apfelanbauregion bezeichnen – wachsen heute viele Äpfel.

Vor allem gängige Sorten wie Granny Smith, Grand, Jonathan, Golden Delicious, Starking, Orleans, Fuji und Gala werden angebaut. Von diesen Sorten eignen sich nur wenige für Rosch Haschana: Entweder sie sind sauer, wie der Granny Smith. Oder ihre Genussreife ist erst im November oder noch später erreicht. Süß und ab Ende September genießbar, sofort mit der Fruchternte, ist nur der Gala-Apfel.

Ein größeres Angebot bieten die vielen Apfelsorten, die sich allerdings in Israel kaum finden lassen. Gerade in Europa und Nordamerika sind viele Sorten verbreitet. In der Antike gab es 23, im 18. und 19. Jahrhundert kamen Tausende hinzu: Kreuzungen, große Experimentierfreude, Verwissenschaftlichung und auch das langsame Entstehen lokaler und regionaler Märkte sorgten dafür, dass einige Pomologen, wie man Obstbaukundler nennt, die Zahl der heute existierenden Apfelsorten auf die gigantische Zahl von 20.000 schätzen.

Von den Apfelsorten, die erhältlich sind, empfiehlt Hans-Georg Kosel den Dülmener Rosenapfel. »Der hat eine sympathische Eigenart«, erläutert der Sprecher des Pomologenvereins Berlin-Brandenburg: »Er wird nach dem Aufschneiden nicht schnell braun, den können Sie sogar eine Stunde lang liegen lassen.« Kosel schränkt aber ein, dass es den Dülmener Rosenapfel wie auch den von ihm empfohlenen James Grieve im Handel kaum gibt, schon gar nicht im Supermarkt.

Generell gilt: Auf ein süßes Jahr. Dazu der Rat eines Pomologen: Wenn der Apfel sehr süß ist, sollte der Honig dies weniger sein und umgekehrt. Schana Towa!

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