Filet mignon zwischen Trümmern

Haiti - Vor zwei Jahren zerstörte ein Erdbeben weite Teile Haitis

Zwar haben inzwischen siebzig Prozent der obdachlos Gewordenen wieder ein Dach über dem Kopf, doch ansonsten hat sich auf der Karibikinsel nicht viel geändert.

Von Hans-Ulrich Dillmann, die wochenzeitung, Zürich, 12. Januar 2012

Mit einem ungläubigen Kopfschütteln antwortet die 19-jährige Stefanie Gilleaume auf die Frage, was sich seit dem schweren Erdbeben vom 12. Januar 2010 für sie positiv verändert habe. Sie und ihre Familie konnten damals nur das nackte Leben retten. Seither leben die Gilleaumes in einem Zeltlager in der näheren Umgebung des internationalen Flughafens in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince – unter einer Zeltplane auf knapp zehn Quadratmetern. Ihre frühere gemietete Wohnhütte ist zerstört. Ohne eigenes Grundstück gibt es aber keine Chance, ein richtiges Haus zu bekommen.

Das Wasser für die LagerbewohnerInnen stammt aus einem Tankwagen. Stets leben sie in Angst, dass das Wasser nicht sauber ist und sie deswegen an der Cholera erkranken könnten, die seit über einem Jahr in Haiti grassiert und an der bisher über 7000 Menschen gestorben sind. Gilleaume muss sich mit Hunderten anderen LagerbewohnerInnen eine transportable Toilette teilen. Und sie lebt Nacht für Nacht in der Angst vor jenen Männern, die sich mit Rasierklingen durch die Zeltplanen schneiden und Frauen vergewaltigen. «Nichts hat sich seit dem Beben geändert»,sagt Gilleaume resigniert. Sie sieht keine Perspektive.

Aus der Sicht der rund 550.000 Menschen, die auch zwei Jahre nach dem Beben noch in rund 9800 Notunterkünften in und um Port-au-Prince leben müssen, hat sich tatsächlich kaum etwas verändert. Bei Regen versinken ihre Zelte im Schlamm. Viele von ihnen sind traumatisiert, die meisten bekommen keine therapeutische Betreuung. Für Lebensmittel- und Wasserlieferungen bleiben sie auf Hilfsorganisationen angewiesen. Und nur die wenigsten haben Arbeit. Port-au-Prince ist auch zwei Jahre nach dem «grossen Grollen» ein riesiger Trümmerhaufen. Zwischen den Schuttbergen – nur etwa fünfzig Prozent sind abgetragen – haben sich die Menschen eingerichtet und sind scheinbar zur Tagesordnung übergegangen; schon vor der Katastrophe lebte die Mehrheit der zehn Millionen HaitianerInnen in prekären Verhältnissen.

Immobilienpreise im Himmel

Beim Erdbeben vor zwei Jahren starben schätzungsweise 31.6000 Menschen, etwa gleich viele wurden verletzt, über 10000 Menschen leben seither mit einer Behinderung. Die Erdstösse zerstörten rund 250.000 Wohnungen und 30.000 Geschäfte, ungefähr 1,85 Millionen Menschen wurden obdachlos. Der wirtschaftliche Schaden im Armenhaus La­tein­ame­ri­kas wird auf umgerechnet 7,4 Milliarden Franken geschätzt. Immerhin: Inzwischen haben 1,3 Millionen HaitianerInnen wieder ein – wenn auch behelfsmässiges – Dach über dem Kopf. Bedenkt man das Ausmass der Katastrophe, kann dies durchaus als Erfolg gewertet werden.

Weiterhin schwer wiegt jedoch der politische Zusammenbruch des Landes, unter anderem, weil beim Erdbeben ein Grossteil der Ministerien eingestürzt war und zahlreiche Minister und Beamtinnen dabei starben. Nicht nur der Misswirtschaft, sondern auch den Begehrlichkeiten korrupter PolitikerInnen wurde in der Folge Tür und Tor noch weiter geöffnet – besonders als das Ausmass der angebotenen internationalen Soforthilfe erkennbar wurde: umgerechnet fünf Milliarden Franken.

Seitdem ist aus Port-au-Prince eine Boomtown geworden. Die Mieten – eine einfache Dreizimmerwohnung kostet monatlich bis zu 2800 US-Dollar – sind für Einheimische inzwischen unerschwinglich. Ausländische KatastrophenhelferInnen und Hilfsorganisationen müssen bar bezahlen. Autovermieter und -händlerinnen verdienen sich eine goldene Nase an den eingeführten Allradfahrzeugen. Restaurants bieten Filet mignon und temperierten Burgunderwein an. Die Supermärkte für die AusländerInnen sind mit importierten Delikatessen gefüllt.

Selbst das Elend ist längst ein Riesengeschäft und zum Beuteobjekt der politischen Elite Haitis geworden. Ein paar Zahlen belegen, dass die zur Verfügung gestellten Gelder nicht der Not leidenden Bevölkerung zugute kommen, sondern vor allem den Geberländern: So stellten die USA umgerechnet 1,5 Milliarden Franken zur Verfügung. Doch fast ein Drittel davon wurde zur Finanzierung des Einsatzes der US-Armee verwendet – nur der kleinste Teil ging in den Wiederaufbau. Wer die Zahlen im Bericht des Uno-Sondergesandten für Haiti nachrechnet, stellt fest, dass auch auf internationaler Ebene von umgerechnet 2,3 Milliarden Franken Hilfsgeldern 34 Prozent in die verschiedenen Geberländer zurückflossen.

Tourismus und Niedriglohn-Enklaven

Auch die im Mai 2011 angetretene neue Regierung von Präsident Michel «Sweet Micky» Martelly, der über keine parlamentarische Mehrheit verfügt, ändert daran wenig. Das Credo des ehemaligen Musikers kommt den ausländischen GeldgeberInnen vielmehr zupass: Investitionsschranken müssen fallen, damit Geld ins Land kommt. Martelly will in Zukunft steuerfreie Niedriglohn-Enklaven und die Tourismusressorts fördern. Enge Berater von «Sweet Micky» kommen zudem aus dem Umfeld des früheren Diktators Jean-Claude Duvalier.

Nun soll aus dem Staatshaushalt der Wiederaufbau der Armee finanziert werden, die 1994 wegen ihrer unheilvollen Rolle bei der jahrzehntelangen blutigen Unterdrückung der Bevölkerung abgeschafft worden war. Diese Gelder werden beim Bau von Häusern für die Obdachlosen fehlen oder für den Aufbau eines sinnvollen, handlungsfähigen und flächendeckenden Katastrophenschutzes.

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