Dudus, Bruce und die Dons

Organisiertes Verbrechen und Politik in Jamaica

Jamaicas most wanted man sitzt auf Nummer Sicher in einem Hochsicherheitsgefängnis des Staates New York und dies wohl für die nächsten zwei Jahrzehnte.

von Hans-Ulrich Dillmann, ila 358 »50 Jahre Jamaica«, September 2012

Im Juni dieses Jahres wurde Michael Christopher Coke, alias Paul Christopher Scott, alias Presi, alias General, alias President, alias Dudus, alias Shortman – der Pate von Jamaica – vor dem US-Bundesgericht der Millionenmetropole nach wochenlangem Prozess wegen Mordes, schweren Drogenhandels in den USA und illegaler Waffengeschäfte zu insgesamt 23 Jahren Gefängnis verurteilt. Danach, so hat das Gericht festgestellt, darf der Chef der Shower Posse-Bande – der Name soll sich von Kugelhagel ableiten – in seine Heimat Jamaica zurückkehren. Um einer lebenslangen Haftstrafe zu entgehen, hatte sich der 43-Jährige in einem Verfahrensdeal für schuldig bekannt. Die Bewohner von Tivoli Gardens, nahe der Innenstadt von Kingston, werden auch nach all den Jahren seinen Namen nicht vergessen haben, sondern ihn wieder in ihrer Mitte willkommen heißen. Dudus, den Wohltäter, der Mann, der ihnen oder ihren Kindern den Schulbesuch oder ein Studium ermöglicht, der Streit zwischen Nachbarn geschlichtet und vielen ein Einkommen verschafft hatte, während im Landesdurchschnitt fast 20 Prozent der 2,8 Millionen Einwohner arbeitslos sind.

Dudus war der Patron des Viertels, eine Art moderner Robin Hood, ein jamaicanischer Asphaltpirat, dem die einen ängstlich, die anderen voll Bewunderung entgegentraten, weil er zwar mit Gewalt dafür sorgte, dass seine Geschäfte reibungslos liefen, aber gleichzeitig immer genügend Kleingeld für jene übrig hatte, mit und unter denen er groß und mächtig geworden war. Dudus, schreibt der jamaicanische Buchautor K.C. Samuels, war »Jamaicas ERSTER Präsident« - ein »Don«. Schon der Vater des heutigen Strafgefangenen von New York, Lester Coke, war eine »kriminelle Berühmtheit« auf der drittgrößten Karibikinsel. Gemeinsam mit einigen Brüdern und engen Vertrauten hatte dieser in den 70er- und 80er-Jahren die Shower Posse-Bande gegründet. Sie dominierte den Drogen- und Waffenhandel im Land, bevor sie das eingenommene Geld in den USA »investierte« und auch dort innerhalb der jamaicanischen Community zu einer Herrschaftsgröße avancierte.

Lester Coke profitierte bei seinem gesellschaftlichen Aufstieg in Tivoli Gardens von der politisch zugespitzten Situation in den 70er-Jahren, als sich die sozialdemokatische Nationale Volkspartei (People’s National Party – PNP) und die rechte Jamaicanische Arbeiterpartei (Jamaica Labour Party - JLP) die Herrschaft in den Wahlbezirken noch mit Waffengewalt streitig machten. Die Armenviertel des Landes waren die Hochburgen der Sozialdemokraten, die damals noch mit einem kubanischen Weg für Jamaica liebäugelten. Und die JLP versuchte mit harter Bandage und schwerem Kaliber in den PNP-Bezirken diese zu verdrängen und ihre eigenen Leute zu etablieren. Um ihre Wähler gegen den politischen Feind zu wappnen, rüsteten beide Parteien ihre aktive Mitgliedschaft mit Waffen aus.

»Ein System von Klientelismus hat sich seit der Unabhängigkeit des Landes entwickelt«, schreibt lan Thomson in seinem Buch The Dead Yard – A Story of modern Jamaica, »in dem die politischen Patrone ihre Unterstützerklienten mit Jobs, Schutz und Geldfluss ebenso versorgen wie mit Drogen und Feuerwaffen im Tausch für deren Loyalität«.

Schon der Stadtteil Tivoli Gardens war Produkt der politischen Gewalt. Früher hieß das vornehmlich von Rastafaris bewohnte Slurnviertel Back-O-Wall und Ackee Walk und befand sich fest in Hand der Sozialdemokratie – bis am 26. Juli 1966 die JLP-Regierung Polizeieinheiten schickte, um mit Tränengas, Gewehrsalven und Bulldozern die Bewohner zu vertreiben und das Hüttenareal einebnen zu lassen. An dessen Stelle wurde ein neues Stadtviertel mit einfachen Behausungen aus dem Boden gestampft, in die JLP-Sympathisanten zogen.

Der politische Streit im Land eskalierte 1976, als der damalige PNP-Ministerpräsident Michael Norman Manley den Notstand verhängte, um der Gewalt ein Ende zu bereiten, denn die USA hatten relativ offen mit einer Intervention in ihrem jamaicanischen Hinterhof gedroht. Aber erst das berühmte One-Love-Peace-Concert, bei dem die größten des jamaicanischen Reggaes auftraten, glättete ein wenig die gewalttätigen Wogen. Bob Marley, der mit den Wailers als Höhepunkt des Konzerts auftrat, brachte die beiden politischen Kontrahenten, Michael Manley von der PNP und Edward Seaga (ILP), im Kingston National Stadium nicht nur gemeinsam auf die Bühne, sondern auch dazu, mit einem symbolischen Handschlag die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Land wenigstens vorübergehend zu beenden.

Edward Seaga wurde der größte Feind von Dudus’ Vater Lester Coke, der im ehemaligen Labourrevier das Regiment übernommen hatte. Die Shower Posses verstanden es, notfalls auch mit roher Gewalt ihren Marktanteil zu verteidigen. 1987 zwang Washington die Seaga-Regierung, den Gangsterboss festzunehmen, um ihn in den USA anzuklagen. Lester Coke wurde nie ausgeliefert. Wenige Tage davor starb er bei einem nie aufgeklärten Brand in seiner Zelle. Es gibt politische Beobachter in jamaica, die sagen, Coke sei mundtot gemacht worden, um nicht über die engen Verbindungen zwischen der Shower-Posse und der damaligen konservativen Politelite des Landes um Edward Seaga auspacken zu können. Dudus Coke, so schreibt Autor Samuels – Dudus 1992-2010. His Rise-His Reign-His Demis. Page Truner Publishing House, Kingston 2011, 306 S. – habe den damaligen ILP-Premierminister Seaga für den Tod seines Vaters verantwortlich gemacht.

Nachdem Dudus, nach heftigen familiären Streitigkeiten, die Nachfolge seines Vater angetreten hatte, strukturierte er erstmal die Shower Posse zu einem modernen Unternehmen um. Der junge »Don von Tivoli Gardens« brachte die regionalen Bandenchefs dazu, sich wie ein Großkonzern zu organisieren. Die Märkte wurden klar abgegrenzt. jeder sollte gut verdienen, aber die Geschäfte sollten künftig reibungslos funktionieren. Sie wirtschafteten auf eigene Rechnung und verkauften Waren, die ihnen die Zentralverwaltung lieferte. An der Spitze des florierenden und hoch diversifizierten Großbetriebs, stand der »Aufsichtsratsvorsitzende« Michael Christopher Coke. Der Banden-CEO investierte gleichzeitig in kleine Druckereien ebenso wie in Veranstaltungsunternehmen, in Tante-Emma-Läden wie in Supermärkte, Ex- und Import, in Kreditanstalten, Wechselstuben, Transportunternehmen und ins Agrobusiness.

Auf politischer Ebene begann »Jamaicas erster Präsident« enge Kontakte in die ILP zu knüpfen und zu pflegen. Lokalpolitiker konnten plötzlich soziale Projekte umsetzen. Unddiese wiederum sorgten dafür, dass die geschäftliche Expansion der Shower Posse nicht gebremst wurde. Bald war Tivoli Gardens der friedlichste Bezirk in einem Land, das im weltweiten Vergleich noch heute die höchste Mordrate innehat.

Und bald gab es auch einen JLP-Politiker, der sich immer stärker zu einem Konkurrenten für Edward Seaga entwickelte und ihm das höchste Parteiamt streitig machte: Bruce Golding. Der verließ erst die Konservativen, kehrte aber nach

einer erfolglosen Zwischenepisode als Chef der Nationalen Demokratiebewegung (National Democratic Movement – NDM) zur JLP zurück. 2005 trat Seaga entnervt von den innerparteilichen Auseinandersetzungen zurück. Zwei Jahre später bei den Parlamentswahlen musste die Sozialdemokraten nach 18 Jahren an der Macht in der Opposition Platz nehmen. Dudus soll viel Geld in diesen Regierungswechsel

investiert haben.

Das Verhältnis zur neuen Regierung wurde erst brüchig, als auch die USA von den Machenschaften des Sohnes des Shower-Posse-Gründers genug hatten. Über Monate ignorierte die Regierung Golding das Auslieferungsersuchen mit fadenscheinigen Gründen, während Dudus mit einem zweitägigen Straßenfest in Tivoli Gardens seinen 41. Geburtstag auch in Anwesenheit namhafter Regierungs- und Oppositionsvertreter feierte. Über das taktische Kalkül Bruce Goldings schütteln noch heute politische Beobachter in Kingston den Kopf. »Der glaubte wohl, er könne mit seiner Verzögerungstaktik die Auslieferung verhindern.« Als die USA mit wirtschaftlicher Isolation und Verweigerung von Visa für die politische und wirtschaftliche Elite drohten, wurde der innenpolitische Druck so groß, dass er dem Auslieferungsverfahren im Mai 2010 zustimmte.

Danach herrschte Krieg in Tivoli Gardens und anderen marginalisierten Stadtteilen und Vororten der jamaicanischen Hauptstadt. Seit dem 20. Mai demonstrierten Frauen mit

selbst gemalten Transparenten durch die Dudus-Siedlung: »Jesus ist für uns gestorben und wir werden für Dudus sterben.« Mitglieder seiner Bande drohten öffentlich mit einem

Kugelhagel, wenn die Polizei versuche, ihr Idol festzunehmen. Über Pfingsten wurde Tivoli Gardens verbarrikadiert, und als Polizeispezialeinheiten mit der Räumung der Absperrungen begann, kam es zu stundenlangen Schusswechseln mit Heckenschützen in dem Straßengewirr. Insgesamt 77 Menschen starben, fast alles BewohnerInnen von Tivoli Gardens, mehrere Polizeistationen im Stadtgebiet von Kingston gingen in Flammen auf. Nach drei Tagen erst konnten Polizei und Armeeeinheiten das Viertel einnehmen.

Dudus blieb bis Juni verschwunden, als er an einer Polizeisperre als Frau verkleidet festgenommen wurde. Fünf Millionen US-Dollar Kopfgeld waren auf ihn ausgesetzt. Er sei auf dem Weg gewesen, sich in der US-Botschaft zu stellen, erklärte Dudus und betonte ganz staatsmännisch: »Ich habe diese Entscheidung im besten Interesse für meine Familie, die Gemeinschaft von West Kingston und insbesondere von Tivoli und vor allem für Jamaica getroffen.« Eineinhalb Jahre danach verkündete Bruce Golding seinen Rückzug aus der Politik. Vier Wochen später verlor die JLP die vorgezogenen Wahlen. Ohne seinen Protegé sank der Stern Goldings rapide, zumal der in den USA inhaftiert war und nach anfänglichem Schweigen sich zur Kooperation mit den US-Behörden entschlossen hatte, Aussagen über die Verbindungen zwischen Politik und Shower Posse inklusive.

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