Aus für Gottes Lautsprecher

Nebensachen – Bislang waren die karibischen Inseln fest in der Hand von Jesus

Die vermeintliche Rettung wird aus zwei riesigen Musikboxen im hinteren Teil des gut besetzten Minibusses verkündet. »Bereue, das Jüngste Gericht naht«, dröhnt ohrenbetäubend die Musikkonserve auf dem Weg vom Badeort Boca Chica in die dominikanische Hauptstadt Santo Domingo.

Von Hans-Ulrich Dillmann, die tageszeitung, 24. Dezember 2012

Im Rhythmus eines landestypischen Merengue werden göttliche Liebe, seelische Errettung und ein gottesfürchtiges Leben besungen: »Jesus liebt dich! «, heißt die Botschaft an alle, die mitfahren. Derweil rast der Fahrer lauthals mitsingend wie von tausend Teufeln verfolgt über die Autobahn, mal links, mal rechts überholend. Auf dem Rückfenster des Fahrzeugs prangt der hoffnungsvolle Spruch: »Egal was passiert, Gott ist an meiner Seite. « Bei so viel Gottvertrauen ist es nur gut, wenn auch die Passagiere einen »guten Schutzengel« haben.

Ob auf den unzähligen Inselchen über oder unter dem Wind oder auf den Großen Antillen wie auf Hispaniola (Dominikanischen Republik und Haiti), Puerto Rico oder auch Jamaika: Wer sich mit einem öffentlichen Bus fortbewegen muss, sieht sich den religiösen Erweckungsbotschaften der unzähligen christlichen und evangelikalen Kirchenvertretern ausgesetzt – ob es einem gefällt oder nicht. Nur Kuba bildet da nach wie vor eine rühmliche Ausnahme.

»Lautsprecher Gottes«

Anglikaner, Herrnhuter, Methodisten, Siebenten-Tags-Adventisten, Baptisten, die Gemeinde Gottes, Mitglieder der Pfingstbewegung verkünden ihre frohe Botschaft von der »Liebe Gottes« und manchmal vom »Ende der Welt«, vor allem da, wo die Menschen nicht entkommen können. Christliche Radiostationen, die in der Karibik vernetzt sind, beschallen täglich rund um die Uhr die Menschen über Äther mit dem »Wort Gottes«. Stolz verkündet das Netzwerk christlicher Radios in der Karibik: »Die Karibischen Inseln sind in der Hand von Jesus. «

Besonders gerne schicken die Kirchenleiter allerdings »erweckte Laienprediger« in die »attraktiven mobilen Kirchen«, wie der Generaldirektor der Jamaica Urban Transport Company (JUTC), Rear Admiral Hardley Lewin, die Busse nennt. Passagiere hatten sich über den Lärm und die Ruhestörung beschwert. In einer Schicht zählten JUTC-Busfahrer auf insgesamt fünf Routen 26 christliche Missionare mit ihren religiösen Botschaften.

Deshalb hat Jamaika in den Bussen für die religiösen Botschafter die Handbremse gezogen. Auf allen Routen gilt jetzt ein absolutes Predigtverbot. Die Passagiere hätten ein Recht darauf, auf dem Weg von und zur Arbeit ihre Ruhe zu haben, betonte der Chef des staatlichen Fuhrunternehmens. »Man kann ja schlecht aussteigen, nachdem man den Fahrpreis bezahlt hat.«

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